Konspirologie - Die Paradigmen der Verschwörung Teil 1
Konspirologie
Alexander Dugin
Moskau, 2005
Die Paradigmen der Verschwörung (S. 19-52)
Teil I
Der Gegenstand der Untersuchung
Zu Beginn unserer Betrachtungen zu einem so delikaten Problem wie der „Theorie der Verschwörung“, welches Leidenschaften aufwallen lässt (nicht nur journalistische, sondern auch politische, ja selbst juristische!), möchten wir sogleich darlegen, auf welche Art und Weise wir uns mit diesem Thema auseinanderzusetzen gedenken. Wir sind überzeugt, dass die Existenz oder Nichtexistenz der „Verschwörung“ selbst an der gegebenen Problematik nicht das geringste ändert. Ob wir es nun wollen oder nicht: Im Verlauf der letzten Jahrhunderte haben konspirologische Motive in der Geschichtsschreibung, der Kulturologie und sogar der Alltagspolitik eine dermassen bedeutsame Rolle gespielt (und stellen in manchen Fällen ein dermassen gewichtiges Argument dar), dass uns dies allein schon dazu veranlasst, dem Phänomen der „Konspirologie“ die ihm gebührende Aufmerksamkeit zu widmen. Hier kann man – mutatis mutandis – natürlich eine Parallele zur Religion ziehen, die nicht aufgrund des Faktums Gottes existiert, sondern aufgrund des Faktums des Glaubens. In unserem Fall könnte man sagen, dass die „Verschwörung“ im breitesten Sinne des Wortes besteht, so wie der historisch und soziologisch fixierbare Glaube an sie besteht, der auf einer mehr oder weniger ausgeklügelten Argumentation fusst. Selbstverständlich ist die Frage in ihrer ganzen Fülle schier unermesslich, und wir erheben in keiner Weise den Anspruch, sie erschöpfend zu behandeln. Uns geht es vor allem darum, die grundsätzlichen Voraussetzungen für eine leidenschaftslose und fundierte Erforschung der „Theorie der Verschwörung“ ausserhalb jeglicher polemischer oder rein faktologischer Streitigkeiten zu schaffen.
Wenn zumindest im Lauf der letzten Jahrhunderte eine grosse Anzahl von Menschen von der Existenz eines mehr oder weniger universalen Netzes von „Verschwörern“ überzeugt war (und ist), welche irgendwelche besonderen Pläne verfolgen und danach streben, diese der Menschheit aufzuzwingen, so liegt ein legitimer Forschungsbedarf vor.
Das von den Gegnern der „konspirologischen“ Denkweise am häufigsten vorgebrachte Argument besteht in dem Hinweis auf den grotesken Charakter der landläufigen „Konspirologie“, deren Maximen in der Tat offenkundig unzureichend, ja bisweilen absurd sind. (Dies gilt besonders für die antifreimaurerischen Mythen des 19. Jahrhunderts, die „Taxil-Affäre“ u.a.). Doch dank den Forschungen der zeitgenössischen Soziologen und Religionshistoriker (insbesondere Mircea Eliades) wissen wir, dass eine auf den ersten Bild unzutreffende Einschätzung dieser oder jener geschichtlichen Phänomene durch verschiedene Schichten der Gesellschaft von tiefverankerten unbewussten Archetypen künden kann (und in den meisten Fällen auch kündet), welche konkrete Fakten und Geschehnisse auf mythologische Paradigmen zurückführen, auch wenn letztere sich einer rationalen Betrachtungsweise weitgehend entziehen mögen. Beispielsweise zeugen das dem russischen Bolschewismus eigene messianische Pathos und seine klaren Analogien zum auf Neuguinea praktizierten Hexenkult (vgl. M. Eliade, Mephistopheles und das Androgyne) vom zutiefst archaischen Charakter gewisser Schichten des Volkes, welches das Russische Imperium vor der Oktoberrevolution bewohnte, und von der Hartnäckigkeit, mit der sich manche mythologische Komplexe auf der Ebene des kollektiven Unterbewusstseins hielten. Genau so verhält es sich auch mit der landläufigen „Konspirologie“. Ihre Radikalität sowie ihr Hang zur Vereinfachung sind lediglich Zeichen dafür, dass sie gewissen archaischen Bewusstseinsschichten entspricht, welche sich auf rationalem Wege nicht vollumfänglich erklären lassen, jedoch trotzdem aus der Tiefe nach aussen drängen und danach streben, ihrer stummen und zuweilen wirren Botschaft von der „Gefahr der Weltverschwörung“ Gehör zu verschaffen. Dass eine Neigung zur Konspirologie einerseits häufig mit einer tatsächlichen psychischen Störung verbunden ist und andererseits viele Geisteskranke natürlich und spontan ohne vorhergehende Präparierung in grossen Zügen die Etappen der „konspirologischen Logik“ nachvollziehen (man halte sich nur die verschiedenen Varianten manisch-depressiver Störungen vor Augen), beweist ein weiteres Mal die Verwurzelung des Problems der „Verschwörung“ in den Grundschichten der menschlichen und sozialen Psyche und ist durchaus keinen Beweis dafür, dass die Verschwörungstheorie „das Produkt einer psychischen Störung“ ist. Hier gilt eine umgekehrte Logik. Die aus unterschiedlichen Gründen auftretende Schwächung der rationalen individualisierten Bewusstseinsstrukturen offenbart einen tieferen Inhalt der Psyche, und nur die Erhellung dieses Inhalts (nicht aber die Flucht vor ihm) kann zur Bildung einer wahrhaftig vollwertigen Persönlichkeit führen; als ideales Beispiel für eine solche können beispielsweise die orthodoxen religiösen Mystiken dienen, welche die psychischen Abgründe mit dem Licht einer konkreten, rationalen, ja sogar suprarationalen Theologie erfüllen.
Wie dem auch sei: Die „Konspirologie“ an sich ruft gebieterisch nach einer planmässigen Analyse und Erforschung. Wir haben uns die Aufgabe gestellt, eine solche zu verwirklichen (oder zumindest im Rahmen des Möglichen in Angriff zu nehmen); sie wird sich für alle an dieser Thematik interessierte Forscher, aber auch für die Anhänger und Widersacher der ungemein heiklen „Verschwörungstheorie“ als nützlich erweisen.
Das grundlegende konspirologische Modell
Betrachten wir nun, was man eigentlich im weitesten Sinne unter einer „Verschwörung“, oder genauer gesagt unter einer „Verschwörung im Weltmassstab“, versteht. Die Idee einer solchen „globalen Verschwörung“ stellt nämlich die Grundlage der „Konspirologie“ auch in jenen Fällen dar, wo es lediglich um die Erklärung einer begrenzten, lokalen Verschwörung geht.
Schematisierend lässt sich sagen, dass das Ausgangsaxiom der Konspirologie in der Vorstellung vom Vorhandensein einer geheimen Gesellschaft besteht, deren Mitglieder danach streben, sich die Welt untertan zu machen und eine vollkommen neue Ordnung zu schaffen, in der sie die Schlüsselpositionen einnehmen und die unumschränkte Herrschaft ausüben werden. Wichtig ist dabei, dass die angeblich angestrebte Ordnung nicht einfach irgendeine Ordnung sein wird, sondern eine der zum gegebenen Zeitpunkt oder „gestern“ bestehenden direkt entgegengesetzte. Die Geheimgesellschaft selbst besteht nicht einfach aus zwar „schlechten“, aber trotzdem „gewöhnlichen“ Menschen, sondern aus speziellen „Genies des Bösen“, die darüber hinaus im Vergleich zur „normalen“, „natürlichen“ Menschheit eine fundamentale, typische Anomalie aufweisen.
Aus dem bisher Gesagten ergeben sich folgende Punkte:
1. Im Zentrum der „Verschwörung“ stehen Menschen.
2. Diese Menschen verbergen sich hinter dem Mantel eines Geheimnisses.
3. Diese Menschen sind ihrem Wesen nach grundsätzlich verdorben.
4. Das Ziel der „Verschwörung“ besteht in der Schaffung einer „Antirealität“, die der „Antinormalität“ der Verschwörer selbst entspricht.
5. Das negative Ziel der „Verschwörung“ liegt in der Vernichtung der „natürlichen“, „normalen“ Ordnung der Dinge, die eine „Hürde“ oder ein „Hindernis“ darstellt (oder zumindest in der Unterwerfung und Unterjochung der „normalen“ Realität.
Der erste dieser Punkte ist durchaus keine tautologische Behauptung. Er stellt im Gegenteil einen fundamentalen Aspekt der modernen (d.h. nach der Epoche der Aufklärung entstandenen) Konspirologie dar, im Gegensatz zu analogen Konzepten, die in den traditionellen sakralen Gesellschaften bestanden. Im Prinzip anerkennen sämtliche religiösen Doktrinen – aber auch manche weltliche Lehren wie der Marxismus mit seiner Theorie von der „Veränderung der ökonomischen Gesellschaftsformationen“ - das Vorhandensein gewisser Ziele, einer gewissen Logik und gewisser vorbestimmten Etappen in der Geschichte. Doch im allgemeinen machen die Religionen für den zyklischen Verlauf der Geschichte, die sich fortlaufend von ihrem sakralen Urquell entfernt und sich somit fortwährend verschlechtert, unpersönliche, verhängnisvolle oder schicksalhafte Kräfte oder nichtmenschliche Vollstrecker der Vorbestimmung verantwortlich – Engel, Dämonen, Geschöpfe der Finsternis, welche die Menschheit auf ihren eschatologischen Fall sowie auf ihre Auflösung zutreiben. In der modernen Konspirologie hingegen wird in jedem Fall der spezifisch menschliche Charakter der Verschwörung hervorgehoben; die teleologischen Ideen von der Vorbestimmung spielen in der Regel lediglich eine Nebenrolle (und auch dies nur bei einem bestimmten Typ von Konspirologien). Die „Verschwörung“ ist unbedingt eine „Verschwörung von Menschen“, und nicht zufällig fällt das Erscheinen der historischen Konspirologie mit der Epoche der Aufklärung zusammen, als der „humanistische“, „rein menschliche“ Faktor für den massgeblichen Teil der Menschheit
kulturell zu dominieren begann (im Westen wohlverstanden).
Alles in allem bedeutete die Neuzeit einen schroffen Bruch mit den letzten inerten Überresten der sakralen Zivilisation in Europa, die in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters rasch zu zerfallen begannen. Die Neuzeit wurde zum Triumph „des Menschen“, der als causa sui betrachtet wurde. Parallel zum Vormarsch des „Humanismus“ in allen Sphären der Kultur nahm die historische Prädestinationslehre, die sich noch Jahrhunderte nach dem Zusammenbruch der religiösen Zivilisation im Westen hielt, die Form des Glaubens an eine „geheime Gesellschaft“ von Menschen an, die für den negativen historischen Gang der Geschehnisse verantwortlich waren, für jedes „Übel“, welches Gesellschaft und Zivilisation in weltweitem Massstab heimsuchte.
Somit ist die Konspirologie in den meisten Fällen mit einer „weltlichen“, „laizistischen“, „nichtreligiösen“ Einstellung zur Logik der Geschichte verbunden. Doch gleichzeitig ist das typische konspirologische Bewusstsein in der Praxis von der Vorstellung geprägt, dass diese Entwicklung der Geschehnisse unvermeidlich ist. Diese Vorstellung ist ein Rudiment der sakralen Weltanschauung. Genauer gesagt, für die Konspirologie als Ganzes ist kennzeichnet, dass „weltliche“ und „religiöse“ Motive (bzw. „Humanismus“ und „Fatalismus“) Hand in Hand gehen, und diese (meist unbewusste) Verknüpfung erklärt die besondere Extravaganz, die konspirologischen Konzepten im allgemeinen eigen ist.
Dass die Gesellschaft der „Verschwörer“ geheim ist, folgt auch daraus, dass die Vertreter der Verschwörungstheorie den Mechanismus der Geschichte ebenfalls doppelbödig auffassen. Einerseits ist diese Verschwörergesellschaft dem Blick gewöhnlicher Menschen verborgen, so wie die diesseitigen Kräfte des Bösen dem Gläubigen verborgen sind. Andererseits weist dieselbe Gesellschaft auch eine bestimmte soziale Struktur auf und ist keinesfalls dem „dämonischen Gefolge des Teufels“ oder dem „Heer der Asuren“ (Dämonen) - so die hinduistische Vorstellung - gleichzusetzen.
Genau so ist auch die „neue Weltordnung“, die das Ziel der „Verschwörer“ bildet, mystisch wie das „apokalyptische Reich des Antichristen“, jedoch gleichzeitig menschlich rational, nur eben gemäss einer besonderen, perversen, jedoch ebenso „humanistischen“ Logik. Beispielsweise werden anstelle der „Besten“ in ihr die „Schlechtesten“ herrschen; anstelle von „Normen“ wird in ihr die „Pathologie“ zum Gesetz erklärt werden, etc.
Schliesslich weist die Aggression der „Verschwörer“ gegen den „Status quo“ einer konkreten Gesellschaft unweigerlich die immer gleiche Stossrichtung auf: Sie richtet sich unabänderlich gegen das zum jeweiligen Zeitpunkt Bestehende, unabhängig von seiner Qualität. Für das religiöse Bewusstsein steuert die Verschlechterung der Realität somit konstant in der gleichen Richtung und steuert auf eine ständig zunehmende Auflösung bis zur finalen eschatologischen Katastrophe zu, auf die eine neue Vereinigung mit dem Urquell folgt. Deshalb ist für die Konspirologen der Verlauf der Geschichte an sich negativ und nicht bloss diese oder jene konkrete Phase. Dieser Hass auf die Gegenwart wird von den „Verschwörern“ denn auch in jeder konkreten Epoche je nach dem Wandel der Gesellschaftsstruktur und der politischen Prioritäten instrumentalisiert.
Die erwähnten Momente tragen dem halbunbewussten Charakter der konspirologischen Konzepte Rechnung, in denen ein verschwommenes Verständnis des sakralen Determinismus der Geschichte und ihrer zyklischen Vorausbestimmung als „archaisches, inertes und unbewusstes religiöses Element“ fungiert und die positivistisch-humanistische Vorstellung vom „Menschen als Schöpfer der Geschichte“ die Funktion des „rationalen Überbaus“ erfüllt. Damit erklärt sich übrigens auch die bei Konspirologen häufig zu beobachtende Tendenz zur mentalen Pathologie als Resultat des Ineinandergreifens zweier verschiedenartiger Koordinatensysteme beim Herantreten an ein und dieselbe Realität. Deshalb nehmen die „Verschwörer“ selbst in den Augen ihrer Entlarver den Charakter recht eigentlicher Monstren an, in denen das „Menschliche“ (einschliesslich der menschlichen Laster) sich mit dem „Unmenschlichen“ paart und dadurch die Ausgangsposition der Konspirologen selbst widerspiegelt, in deren Bewusstsein beide Ebenen in der Regel ineinander übergehen.
Konspirologie und Traditionalismus
Unternehmen wir einen kleinen Abstecher auf eine anderes, doch mit der Konspirologie verknüpftes Gebiet. Wir denken dabei an das, was man heute mit einem gewissen Grad an Zurückhaltung das „traditionelle Denken“ (la pensée traditionelle“) nennt. Dabei handelt es sich um eine besondere Richtung des Denkens, das die moderne Welt einer erbarmungslosen Kritik unterzieht. Im Gegensatz zur überwältigenden Mehrheit der Kritiker der modernen Zivilisation berufen sich die Traditionalisten nicht auf „humanistische“ oder „progressive“ Werte, sondern auf die Werte der integralen Tradition, die als „totales Phänomen“ aufgefasst wird, welchem sämtliche Aspekte des gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens untergeordnet werden. Der hervorragendste Vertreter dieser Richtung war der französische Esoteriker René Guénon, der die Grundprinzipien der „traditionalistischen“ Denkweise begründete. Nachträglich zählte man die bedeutenden „theokratischen Konspirologen“ des Westens wie Donoso Cortez und Josef de Maistre, aber auch einige Schriftsteller der „okkulten Richtung“ (und zwar in erster Linie Saint-Yves d’Alveydre) bereits nach Guénon zu den Vorläufern des Traditionalismus. Dennoch wurden Guénon sowie die Denker, auf die er entscheidenden Einfluss ausgeübt hat, zu „Traditionalisten“ im vollen Sinne dieses Begriffs.
Konspirologische Motive standen und stehen für die Traditionalisten nicht im Mittelpunkt, doch haben sie bei ihnen seit jeher ungeheures Interesse erweckt (davon zeugt beispielsweise die Tatsache, dass Guénon selbst eine Zeitlang mit dem bekannten Konspirologen und Antifreimaurer Abel Claren de la Rive zusammengearbeitet und unter dem Pseudonym „Sphinx“ sogar für dessen Zeitschrift „Das antifreimaurerische Frankreich“ geschrieben hat). Entscheidend ist auch nicht, dass die Konspirologie das Bewusstsein der Traditionalisten in gewissem Ausmass geprägt hat. Wichtiger ist, dass gerade die Traditionalisten zuerst und mit äusserster Schärfe das intellektuelle und historische Paradigma eines Phänomens formuliert haben, das bei den gewöhnlichen Konspirologen „Verschwörung“ genannt wird. Die Traditionalisten, welche die unanfechtbare Autorität der sakralen und religiösen Tradition voll und ganz anerkennen und die Anwendung der traditionellen Lehren mit äusserster Konsequenz auf die gesamte Sphäre der zivilisatorischen und historischen Phänomene anwenden, waren (wenigstens theoretisch) frei von den Vorurteilen des „humanistischen“ und „positivistischen“ Bewusstseins, welche im Grunde auch die Mentalität der Konspirologen prägten. Deswegen konnte der Traditionalismus das, was die Anhänger der „Verschwörungstheorie“ nur „halbbewusst“ anstreben, unbefangen beleuchten und aussprechen. Gleichzeitig konnte gerade die traditionalistische Auffassung dieses Problems die Fehler, Übertreibungen und Missverständnisse übertünchen, die der rein konspirologischen Methodik eigen sind.
Vom Standpunkt der Traditionalisten aus ist die Geschichte in ihrer Gesamtheit sakral, da sie einen nicht-menschlichen (göttlichen, engelhaften) Urquell sowie ein nicht-menschliches Ziel besitzt. Die Logik der sakralen Geschichte ist durch die metaphysische Struktur des Seins bestimmt und untersteht einzig und allein dem Gesetz der höheren göttlichen Vorsehung. Der Mensch spielt in dieser Geschichte lediglich eine rein symbolische und rituelle Rolle. Er vertritt und imitiert auf der irdischen Welt das himmlische Prinzip, er verwirklicht in dieser Existenz den göttlichen Plan der Vorsehung. In dieser Perspektive ist der Mensch das Gefäss des Nicht-Menschlichen, des Göttlichen (erinnern wir uns an die berühmte Stelle aus den Psaltern: „Ich sagte: Götter seid ihr“). Doch gleichzeitig ist die Struktur der sakralen Geschichte dem Gesetz der Degradierung, der Involution, unterworfen, denn gleich nach der ihrer Essenz, ihrem Wesen nach segensreichen Schöpfung (Offenbarung) der Welt steht eben dieser Welt lediglich ein Entwicklungsweg offen – der Abfall von seinem Urquell (der entgegengesetzte Weg, die Rückkehr der Welt in den Schoss des Schöpfers, würde das Aufhören ihrer Existenz als eines vom Schöpfer getrennten Entität bedeuten, d.h. das Aufhören der Welt als solcher, ihr Ende). Die Welt, die Schöpfung (und nicht Schöpfer) bleibt, entwickelt sich auf ihren Zerfall, ihre Verschlechterung hin, wobei sie ihre Ähnlichkeit mit dem Prinzip mehr und mehr verliert. Wenn der Zyklus der Welt sein Minimum (d.h. die maximale Degradierung) erreicht, erfolgt eine augenblickliche Reintegrierung, die Rückkehr der losgerissenen Realität in den Schoss des Urquells. Die pulsierenden Zyklen (Erscheinung – beständiger Niedergang – sofortige Auferstehung) stellen den Grundinhalt des Paradigmas der sakralen Geschichte in ihrer allgemeinsten Form dar. Der Mensch in seiner Welt erweist sich als eines der Elemente des sakralen Komplexes, was darauf hinausläuft, dass auch die menschliche Geschichte ein Prozess der zyklischen Degradierung vom paradiesischen engelhaften Status des ursprünglichen Adams des Goldenen Zeitalters bis hin zu den gefallenen, dämonisierten „Nicht-Menschen“ der apokalyptischen Periode ist, nach deren Abschluss auf geheimnisvolle Weise eine neue sakrale Menschheit des folgenden Goldenen Zeitalters auftritt.
Im Rahmen dieses Bildes erwirbt die Rolle des menschlichen Faktors in der Geschichte die Eigenschaft der Doppelbödigkeit. Einerseits erfüllen die Menschen bloss die Pläne der Vorsehung, wobei sie sich der objektiven Logik des Zyklus beugen; andererseits sind sie selbst die Akteure dieser Geschichte, da auf irdischer Ebene gerade der Mensch (im sakralen Verständnis dieses Begriffs, d.h. der „höhere Mensch“ als Träger des metaphysischen Bewusstseins) gegenüber den anderen Wesen das Prinzip vertritt. Da die Menschen vom traditionalistischen Standpunkt aus gesehen einander substantiell und prinzipiell nicht gleich sind, existiert auch in der Sphäre der Geschichte einer Hierarchie verschiedener Typen von Menschenwesen. Die einen stehen dem Willen der Vorsehung näher und sind aktive Teilnehmer an der Geschichte; andere stehen ihm ferner und spielen deshalb im Gang der Geschichte nur eine passive Rolle. In rein menschlicher Perspektive (d.h. unter Ausklammerung des Plans der Vorsehung) gilt der erste Menschentyp als der herrschende und der zweite als der beherrschte; so verhält es sich auch tatsächlich. Doch da die sakrale Hierarchie der Tradition auf dem Primat der Einheit gegenüber der Vielheit und der Qualität gegenüber der Quantität beruht, muss sich die Hierarchie der Herrschenden natürlich mit zunehmender Annäherung an den Gipfel verengen, wo sich der symbolische Eine und Einzige befindet – der König der Welt, der Gottmensch, der Vermittler, der Grosse Mittler zwischen der Erde (den Menschen) und dem Himmel (dem Geist). Diese symbolische Figur (der Chakravarti der indischen Lehre, der heilige Kaiser der chinesischen Tradition, der König-Messias des Judentums etc.) ist der Quell der irdischen Macht und das Zentrum, das die irdische menschliche Geschichte in Übereinstimmung mit dem Gesetz der Vorsehung bestimmt. Doch dieses Wesen ist bereits kein Mensch im eigentlichen Sinne dieses Wortes mehr. Es ist etwas Grösseres – Er, der Gott-Mensch, der menschgewordene Engel (vgl. R. Guénon, „Der König der Welt“).
Da wir der Meinung der Traditionalisten und der Tradition selbst zufolge heutzutage in der Endperiode eines Zyklus leben, in einer Epoche der Verfinsterung und eines extremen Abfalls der Schöpfung vom Schöpfer (und hierhin stimmen die Überzeugungen aller authentisch sakralen Religionen – Hinduismus, Islam, Christentum, Buddhismus, Taoismus, ja selbst die archaischsten fetischistischen und degradierten Kulte überein), verfinstert sich auch das sakrale Prinzip selbst und entzieht sich der Erkenntnis der Menschen; dies heisst, dass sich auch die Figur des „Königs der Welt“, des höchsten Vollstreckers des Plans der Vorsehung auf Erden, sowie des Zentrums der Geschichte, sich hinter einem Vorhang des Geheimnisses verbirgt und aus dem Spektrum der allgemeinen Aufmerksamkeit verschwindet, sich in geheimnisvolle unzulängliche Regionen zurückzieht. Doch dass das Prinzip in die Ferne entrückt, bedeutet keineswegs sein tatsächliches, vollständiges Fehlen; es ist auch weiterhin allgegenwärtig und zentral, doch nur auf besondere, geheime Weise. Die geheime Tätigkeit des „Königs der Welt“ sowie der von ihm auserkorenen Mitstreiter wird selbst in den finstersten und profansten Epochen nicht einen Augenblick lang unterbrochen.
Da die Degradierung der Welt gemäss der Göttlichen Logik eine metaphysische Notwendigkeit darstellt, braucht es andererseits auch Verwirklicher dieser Degradierung, Träger der Zerstörung. Und da wir es mit Menschenwesen zu tun haben, müssen die Träger der Kräfte der Zerstörung ebenfalls unter den Menschen zu suchen sein. In der Theologie werden die Kräfte der Destruktivität und Degradierung in der Gestalt des Teufels personifiziert, des gefallenen Engels. Die metaphysische Perspektive des Traditionalismus bezeichnet das Zentrum der Kräfte der Zerstörung als „Gegen-Inititiierung“, d.h. einen besonderen Typ der Tradition, wo alle Proportionen verzerrt sind und alles in sein Gegenteil verkehrt wird. Dieses Zentrum beherrscht ein parodienhafter, umgekehrter „König der Welt“, jener, den das Evangelium den „Fürsten dieser Welt“ nennt. Das Demonstrativpronomen „dieser“ unterstreicht den nachäffenden Charakter der Gegen-Initiierung, welche die Struktur des Zentrums der „von oben“ wirkenden Macht der Vorsehung, die vom wahren „König der Welt“ regiert wird, in umgekehrter Perspektive („von unten“, „rein diesseitig“) reproduziert. Es entspricht der Natur der Dinge, dass auch die Gegen-Initiierung eine menschliche Projektion besitzt, d.h. einen besonderen Menschentyp, der den Willen des Verhängnisses bewusst vollstreckt und sich dabei den Kräften der Zerstörung unterwirft. Dieser Typ von Menschen, von „Agenten“ des „Fürsten dieser Welt“, nennt die islamische Tradition „Avlin-esch-Scheitan“ (wörtlich: „heilige Satane“). Das Wirken des gegen-initiatorischen Kreises von Menschen muss unbedingt vor unbefugten Blicken verborgen bleiben, weil die Ziele und Aufgaben der Konspiration die „neutralen“ Menschen, in denen sich stets zumindest Überreste eines sakralen und religiösen Gefühls bewahrt haben, zwangsläufig erschrecken müssen.
So bestätigt der traditionalistische Blick auf die Metaphysik der Geschichte die Existenz eines geheimen Zentrums der menschlichen Geschichte, welches dazu noch aus zwei entgegengesetzten Teilen besteht – einem Zentrum der Vorsehung („der König der Welt“) und einem Zentrum der Gegen-Initiierung („der Fürst dieser Welt“). Die Degradierung der Welt fügt sich unstrittig in die Pläne der göttlichen Vorsehung ein und dient einem höheren, transzendenten Ziel (was letzten Endes darauf hinausläuft, dass auch der „Fürst dieser Welt“ selbst nichts weiter als ein Instrument des wahren und einzigen allmächtigen „Königs der Welt“ ist), aber dennoch klafft im Prozess der Geschichte zwischen den beiden Polen der geheimen Macht ein Abgrund; sie stellen die historischen und geistigen Extreme der Menschheit dar, das Extrem der Erhabenheit und Heiligkeit sowie jenes des Falls und der Sünde. Zwischen den beiden Polen der geheimen Macht tobt die ganze Geschichte hindurch ein unversöhnlicher Kampf, welcher den letzten und tiefsten Inhalt des globalen Zyklus der Menschheit darstellt. (Vgl. R. Guénon, Die Herrschaft der Quantität und die Zeichen der Zeit; J. Evola, Revolte gegen die moderne Welt).
So bietet die traditionalistische Perspektive uns ein vollständigeres und komplexeres Bild des sakralen Hintergrundes der Konspirologie. Das Wichtigste ist unserer Meinung nach freilich, dass es die gängige konspirologische Optik nicht erlaubt, einen klaren Unterschied zwischen dem geheimen Zentrum der Vorsehung und dem Zentrum der Konspiration zu machen; deshalb besteht bei konspirologischen Forschungen stets die Gefahr, dass man den „König der Welt“ mit dem „Fürsten dieser Welt“ verwechselt (desgleichen auch jene, die sie als Diener und mit einer besonderen geschichtlichen Mission betrauten Gefolgsleute auserwählt haben); dies macht dieses Forschungsgebiet für inkompetente Forscher ausserordentlich gefährlich und liefert eine teilweise Erklärung für den alarmierenden Beigeschmack, den die Konspirologie insgesamt aufweist, sowie für das oft unerklärlich tragische Schicksal der Konspirologen selbst. Da die Konspirologen nicht in der Lage sind, innerhalb des geheimen Zentrums der „Verschwörung“ zwei miteinander im Widerstreit stehende Kräfte zu erkennen, verbinden sie Dinge, die so weit voneinander entfernt sind wie Wasser und Feuer, Paradies und Hölle, und deshalb ist ihre Intuition dazu verurteilt, immer nur ein besorgniserregender „Verdacht“ zu bleiben, bei dem die höchste Wahrheit fest mit einer ungeheuerlichen Lüge verkettet ist.
Konspirologische Varianten
Bevor wir zu einer allgemeinen konzeptuellen Übersicht über die konkreten konspirologischen Modelle übergehen, wollen wir die am häufigsten anzutreffenden Varianten der „Verschwörungstheorie“ aufzählen:
1. „Die freimaurerische Verschwörung.“ Dieses Thema ist für die Konspirologen religiöser Orientierung am charakteristischsten: Katholische Integristen sowie konservative und fundamentalistische Orthodoxe. Bei der Entlarvung der Freimaurerei stehen traditionell theologische Beweggründe im Vordergrund.
2. „Die jüdische Verschwörung.“ Dieses „bedeutsame“ konspirologische Konzept weist zwei Grundversionen auf: Die theologische (bei der die religiösen Aspekte des Judentums Zielscheibe der Kritik sind) und die rassistische (hier geht es um die nationale Eigenart der Juden und ihre rassische Mission).
3. „Die Verschwörung der Bankiere“ oder, allgemeiner, die „wirtschaftliche Verschwörung“. Hier berührt sich die Konspirologie mit der Politologie, der Wirtschaftswissenschaft und der Soziologie. Einige Aspekte dieser konspirologischen Variante fallen mit den politischen Doktrinen des Marxismus zusammen.
4. „Die Verschwörung der Habenichtse“ oder „die bolschewistische Verschwörung“. Diese Konzeption entspricht einem Klischee des europäischen Massenbewusstseins.
5. „Die mondialistische Verschwörung“. Es ist dies die neuste Form der Konspirologie; sie enthüllt die Pläne der „geheimen Weltregierung“ im Verlauf der letzten Jahrzehnte. Die Besonderheit dieser Variante der Konspirologie liegt darin, dass die Vereinigten Staaten von Amerika als besonderes geopolitisches Zentrum mit spezifischen und in in mancher Hinsicht höchst suspekten kulturellen und futurologischen Konzepten das hauptsächliche Forschungsgebiet darstellen.
6. „Die Verschwörung der Sekten“. Als neue Version dieses bereits recht alten konspirologischen Themas lässt sich das Konzept der „neospiritualistischen Verschwörung“ herausschälen, welche sich der politischen Aktivität neomystischer Gruppen und Bewegungen zuwendet.
Fassen wir die Besonderheiten jedes dieser Konzepte nun in geraffter Form zusammen.
Der geschürzte Teufel mit Hammer und Schaufel
Die Theorie von der „freimaurerischen Verschwörung“ nahm mit der Epoche der Französischen Revolution klare Konturen an, auch wenn bereits früher, im 18. Jahrhundert, seriöse antifreimaurerische Schriften erschienen waren (vgl. das 1748 von sechs Doktoren der Sorbonne verfasste Traktat Schrift und Konsultation bezüglich der Freimaurer). Die fundamentalsten Werk, die den freimaurerischen und antireligiösen Charakter der Französischen Revolution anprangerten, waren die 1779 bzw. 1797 erschienenen Schriften des französischen Abtes August Barruel und des Engländers John Robinson. Bemerkenswerterweise gehörte Robinson einer englischen Freimaurerloge an, doch eine Reise durch Europa, insbesondere Frankreich und Deutschland, überzeugte ihn vom radikalen Unterschied zwischen dem „antireligiösen“ kontinentalen Freimaurertum und der gegenüber der Kirche voll und ganz loyalen englischen Maurerei. Der Titel von Robinsons Hauptwerk spricht für sich selbst: Beweise für eine Verschwörung gegen alle Religionen und alle Staaten Europas, die auf Versammlungen der Illuminaten, der Freimaurer und der literarischen Gesellschaften gesammelt wurden (London 1979). Auffallenderweise war der zweite Entlarver der „freimaurerischen Verschwörung“, ein unversöhnlicher Feind der Revolution, ebenfalls ein Freimaurer des höchsten Einweihungsgrades: Josephe de Maistre, der als Begründer des „absoluten theokratischen Konservativismus“ sowie als „Vater der weltweiten Konterrevolution“ galt.
Die Argumentation Barruels und seiner Nachfolger lief insgesamt auf folgendes hinaus: Die Freimaurerei stellt keine philanthropische, sekuläre Organisation unschuldiger humanitärer Sonderlinge und Gelehrte dar, wie man im 18. Jahrhunderte allgemein glaubte, sondern eine Geheimgesellschaft antichristlicher und satanistischer Stossrichtung, zu deren Zielen die Vernichtung der Kirche und der europäischen monarchistischen Mächte, die Errichtung einer blutigen Diktatur und die Einführung dämonischer Kulte gehört. Diese Gesellschaft besitzt eine jahrhundertelange Geschichte und ist für die hauptsächlichen Katastrophen der europäischen christlichen Geschichte verantwortlich. Unter der Maske des Liberalismus und des Freidenkertums verbergen sich totaler Atheismus und Tyrannei, und die äusserliche Einfältigkeit der freimaurerischen Rituale dient lediglich dazu, deren straffe und weitverzweigte internationale kosmopolitische Struktur zu vertuschen, welche die gesamte Welt umfasst. Die Französische Revolution war eine Manifestation dieser teuflischen Kraft.
Sämtliche freimaurerischen Rituale wurden von Barruel in dämonischem Sinne umgedeutet, und der Freimaurerei wurden Dämonenkult, alle Arten von gotteslästerlichen und frevlerischen Taten, schwarze Messen etc. zur Last gelegt.
Schon in den ersten antifreimaurerischen Büchern schimmern typische und beharrliche Gleichstellungen durch: „Die Freimaurerei ist ein sozialer und politischer Auswuchs des Satanismus“, „Der Freimaurer ist ein Mörder, ein Lüstling, ein Atheist und ein Gottesfeind“. In späteren konspirologischen Schriften finden sich so gut wie keine neuen theoretischen Ergänzungen; in den Büchern, welche die „geschürzten Teufel mit Hämmern und Schaufeln“ entlarven, tauchen lediglich immer neue Fakten und Interpretationen von Fakten auf.
Ein Jahrhundert darauf erliess Papst Leo III eine antifreimaurerische Bulle, die folgenden Aufruf enthielt: „Reisst der Freimaurerei die Maske herunter, zeigt sie so, wie sie ist!“ Auf der neuen Welle der Antifreimaurerei ritten auch bedeutende Konspirologen wie Armand-Joseph Fave, Paul Kopen-Albaniselli, de Bessonyer (bekannter unter dem Pseudonym Gabriel Sularka), Abel Claren de la Rive und schliesslich Leo Taxil auf, der das satanische Wesen der Freimaurerei geisselte, aber später zugeben musste, dass er sich der Fälschung und der Verzerrung der Fakten schuldig gemacht hatte, was seinerzeit in der ganzen katholischen Welt einen ungeheuren Skandal heraufbeschwor.
Im 20. Jahrhundert führten der polnische Aristokrat Emmanuel Malynski mit seinem 25-bändigen Werk „Die Mission des Gottesvolkes“ sowie sein Koautor Leon de Ponsen, Herausgeber einer Zeitschrift mit dem klassischen Titel Konterrevolution, diese Linie fort.
In Russland fanden die antifreimaurerischen Schriftsteller des Westens (und natürlich in erster Linie des westlichen Katholizismus) Unterstützung bei Autoren wie Alexei Schmakow und Alexander Seljaninow, die mit dem Gedankengut der westlichen Konterrevolutionäre vertraut waren und diese gegenüber der russischen Öffentlichkeit nicht nur anhand einheimischen Materials nahebrachten, sondern auch ein orthodoxes Element in das theoretische Gerüst der antifreimaurerischen Polemik einbrachten. Doch zur bedeutendsten Figur (zumindest wenn man den Einfluss seiner Enthüllungen auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts zum Gradmesser nimmt) wurde Sergei Nilus, der die bekannten Protokolle der Weisen von Zion veröffentlichte, in welchen die „Verschwörungstheorie“ in ihrer grellsten und eindrücklichsten Form von den „Verschwörern“ selbst dargelegt wurde.
Es sei darauf hingewiesen, dass in praktisch allen Werken antifreimaurerischer Schriftsteller eine streng konservative, „konterrevolutionäre“ Einstellung eigen ist; das Grundmuster ist und bleibt stets dasselbe. Die Entlarvung der Freimaurerei erfolgt nach dem immer gleichen traditionellen Schema.
Auch heute wiederholen die antifreimaurerischen Konspirologen faktisch das, was bereits Barruel gesagt hat. Dies gilt sowohl für Europa, wo konterrevolutionäre, katholisch-integristische (und somit implizit antifreimaurerische) Stimmungen in den letzten Jahren in gewissen politischen und kirchlichen Kreisen wiederum Auftrieb erhielten, als auch in Russland, wo die Protokolle der Weisen von Zion in unseren Tagen bei Menschen, die sich in ihren politischen Ansichten grundlegend unterscheiden, auf Interesse stossen.
Bemerkenswert ist, dass die dreihundertjährige hitzige Polemik zwischen Antifreimaurern und Anhängern der Freimaurerei mit allen hüben und drüben angeführten Beweisen, Entlarvungen, Hintergrundenthüllungen und lärmigen Kampagnen in der Presse niemanden auch nur im geringsten von irgendetwas überzeugt hat (und anscheinend auch nie jemanden überzeugen wird). Wenn konspirologische antifreimaurerische Stimmungen aufkeimten, dann durchaus nicht darum, weil die Argumente jener, welche die Freimaurerverschwörung anprangerten, besonders schlagkräftig gewesen wären, genau so wenig wie ihr Abflauen die Folge der Überzeugungskraft der freimaurerischen Dementis gewesen wäre. In der Konspirologie besassen Beweise kaum je irgendwelches Gewicht, und ungeachtet aller ins Feld geführten Fakten haben die Konspirologen mit unerschütterlicher Beharrlichkeit an ihren ursprünglichen Paradigmen festgehalten, welche sich merkwürdigerweise mit der Zeit fast gar nicht ändern und im zwanzigsten Jahrhundert nicht weniger Anhänger finden als im achtzehnten.
Die antifreimaurerische These zeichnet sich durch ungemeine Beständigkeit aus, was zumindest davon zeugt, dass sie mit gewissen tatsächlichen psycho-politischen Archetypen übereinstimmt, die nicht nur bei den einander doch so unähnlichen Generationen der letzten drei Jahrhunderte ähnliche intuitive Befürchtungen wecken, sondern möglicherweise auch die freimaurerische Welt selbst berühren, die in dieser seltsamen politisch-kulturellen Bewegung vielleicht das Vorhandensein eines zweiten, den Brüdern des Tempels selbst bisweilen unbekannten Bodens entdecken.
„Töte den Besten unter den Goyim“!
Eng, manchmal sogar untrennbar mit dem Konzept der „freimaurerischen Verschwörung“ ist jenes der „jüdischen Verschwörung“ verbunden. Diese Verbindung fand ihren Widerhall in dem für die Konspirologie kennzeichnenden Ausdruck „jüdisch-freimaurerische Verschwörung“, der zum weitverbreiteten Klischee geworden ist - sowohl bei den Widersachern der „Verschwörung“ als auch in der gegen die Verschwörungstheorie gerichteten Propaganda, die sich beständig bemüht, die Substanzlosigkeit und Absurdität dieser Wortverbindung nachzuweisen. Dennoch ist die antifreimaurerische Konspirologie mit der antijüdischen durchaus nicht immer identisch, und zwar besonders deshalb, weil die Feindschaft gegen das Freimaurertum eine fast ausschliessend religiöse und konterrevolutionäre Doktrin ist und sich in erster Linie auf religiöse Argumente stützt, während die Judenfeindschaft oft keinerlei Zusammenhang mit irgendeiner Religion aufweist und in diesem Fall auf einer rein rassischen oder ethnischen Argumentation fusst.
Natürlich war der historische Antijudaismus genau wie die Feindschaft gegen die Freimaurerei vorwiegend christlich. Dass das Judentum Jesus Christus nicht anerkannt hat, gab den Anstoss zu einem fundamentalen Gegensatz zwischen zwei religiösen Grundeinstellungen, welcher dadurch, dass das Christentum in gewisser Weise an das Judentum anschliesst, noch verstärkt wurde. Ausserdem ist ein unverkennbar antijüdisches Pathos einer Reihe von Stellen des Neuen Testaments eigen. Ins Gewicht fällt jedoch vor allem, dass sich zahlreiche Passagen des Talmud durch einen unversöhnlichen, von rein jüdischer Warte aus theologisch begründeten Hass sowohl gegen Jesus Christus als auch gegen die christliche Kirche auszeichnen. Im Gegensatz zum Islam oder anderen Traditionen, deren allgemeine religiöse Perspektive der religiösen Dogmatik des Christentums allzu fern stehen, ist die ganze mit dem Neuen Testament, seiner Deutung, der Dechiffrierung der Gestalt des kommenden Messias etc. verknüpfte Problematik für das Judentum von unmittelbarem Belang. Dies führte zwangsläufig zu einer Feindschaft gegen die christliche Doktrin, die durch den Heiligen Apostel Paulus das Ende der „Ära des Gesetzes“ (und damit auch der mit dieser Ära verbundenen theologischen Methodologie) sowie den Beginn einer neuen „Ära der Gnade“ verkündete, die mit der Verkörperung des Wortes Selbst, des Christus Emmanuel, gekommen war und die sakralen Proportionen der religiösen Weltanschauung radikal veränderte. Auf diese Weise wurde das Judentum nach dem Kommen Jesu Christi zum natürlichen und dominierenden theologischen Gegner der Kirche Christi.
Doch der konspirologische Antijudaismus trat weit später auf, nämlich erst dann, als die theokratische christliche Zivilisation des Westerns dem raschen Zerfall anheimzufallen begann. Angesichts des Niedergangs ihrer eigenen Religion führten manche Christen diesen auf die „Ränke“ der Widersacher ihres Glaubens zurück, und diese waren, nicht nur „mythologisch“, sondern auch theologisch die Juden, welche sich weiterhin zu dem Gesetz bekannten, als ob die Gnade noch nicht auf die Erde gekommen sei (dass diese objektiv bestehenden theologischen Widersprüche in der Perspektive der Konspirologen bisweilen eine unwahrscheinliche Dimension annehmen, ist eine andere Sache). So führte die Degradierung der Kirche und ihr ständiger Verlust zentralen Positionen in der Gesellschaft zur Entstehung des Konzepts von der „jüdischen Verschwörung“, d.h. der These vom Vorhandensein einer internationalen politischen jüdischen Geheimorganisation, die danach strebte, der Rechtmässigkeit ihrer Religion auf sozialer, politischer und wirtschaftlicher Ebene Geltung zu verschaffen, was nur dann möglich war, wenn die christliche Weltanschauung und die mit ihr verbundenen Gesellschaftsordnung weltweit vernichtet wurden. Die Konspirologie der antijüdischen Richtung wandte sich der talmudischen und posttalmudischen Literatur zu und erkannte dort die Grundprinzipien der jüdischen politischen Strategie, die auf den religiösen Prinzipien des Judentums basiert. Gewisse Passagen atmeten religiösen Hass auf jene, die vom Standpunkt der orthodoxen Juden aus „Ungläubige“, „Götzendiener“, „Heiden“, „Goyim“ (althebräisch für „Völker“) oder „Akumom“ (althebräische Abkürzung für „Stern- und Planetenanbeter“) sind. Warf der vorkonspirologische Antijudaismus den Juden lediglich verhältnismässig „leichte“ magische oder wirtschaftliche Verbrechen vor (was wiederholt den Anstoss zu massiven Judenverfolgungen bildete), so bestand die Besonderheit der konspirologischen Judenfeindschaft in der Anprangerung jener internationalen Geheimorganisation, die sich das Ziel gesetzt hatte, das Judentum zur führenden religiösen und politischen Kraft des Erdballs zu machen. Es ist bezeichnend, dass die konspirologischen Enthüllungen der Judengegner politischen Phänomenen wie der Gründung der „Jüdischen Weltallianz“ durch Adolphe Crémieux oder der eigentlichen zionistischen Bewegung (T. Herzl, Achad ha Am, M. Nordau) vorausging, welche den Ängsten der Konspirologen vor der Gefahr einer globalen politischen, gegen die christliche Zivilisation gerichteten Tätigkeit des Judentums zwangsläufig Auftrieb verleihen mussten.
Die antijüdischen Konzeptionen des 19. Jahrhunderts betrachteten die politische Freimaurerei fast einhellig als Werkzeug des politischen Judentums. Somit wurde die Maurerei zum „Verbindungsglied“ der Verschwörung, während die Juden im 18. Jahrhundert lediglich als „Verbündete“ der zerstörerischen freimaurerischen Politik gegolten hatten. Im zwanzigsten Jahrhundert hielt man an der Einschätzung des neunzehnten fest; die antifreimaurerische Dogmatik der Konspirologen rückte in den Hintergrund, und die antijüdischen Motive dominierten immer mehr. (Nichtsdestoweniger war auch weiterhin von der freimaurerischen Verschwörung die Rede, sogar unter laizistischen Regimen wie der Sowjetunion zur Stalinzeit; das Zentralkomitee der KPDSU griff die Freimaurer bis zum Beginn der Treibjagd auf Trotzkisten und Bucharinisten regelmässig an, was seinen Ausdruck in der stalinistischen Filmkunst fand, in der Verschwörungsthemen eine wichtige Rolle spielten.)
Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildete sich mit besonderer Deutlichkeit auch die ethnische, rassische Variante der antijudaistischen Konspirologie heraus, die man oft als „Antisemitismus“ bezeichnete, obwohl dieser Ausdruck ungenau war, weil in der überwältigenden Mehrheit der Fälle nur Vertreter der jüdischen Nation Gegenstand der Kritik waren und gegen die anderen semitischen Völker keinerlei „Anklagen“ erhoben wurden. Hier haben wir es mit einem doppelbödigen Phänomen zu tun. In erster Linie ist die laizistische, von jeder theologischen Färbung freie Judenfeindschaft mit der Tatsache verbunden, dass das Judentum als Religion einzig und allein jenen vorbehalten ist, die ihrer Nationalität nach Juden sind, d.h. einer einzigen ethnischen Gemeinschaft. Im Gegensatz zur Mehrheit der anderen Religionen kennt das Judentum kein Mission und verwehrt all jenen, deren Mütter keine blutsmässigen Jüdinnen sind, die Möglichkeit, sich zum jüdischen Glauben zu bekennen. (Die „Giur“, in den Schoss des Judentums aufgenommene Nichtjuden, sind ein Ausnahmefall, und die traditionelle jüdische Gesellschaft akzeptiert sie nur unter aussergewöhnlichen Umständen; in den verschiedenen historischen Perioden hat die Einstellung des Judentums zu dieser Frage wesentliche Veränderungen erfahren.) Deshalb setzt das Judentum als Religion eine bewusste Zugehörigkeit zum Judentum sowohl als Nation als auch als Rasse voraus. Dies liefert eine teilweise Begründung dafür, dass die christlichen Konspirologen die Juden als Anhänger einer besonderen Religion den ethnischen Juden gleichsetzen. Andererseits verschwinden theologische Argumente in dieser Periode in einer nominell immer noch christlichen Welt von der Bühne des Kampfes der Ideen, und ihre Stelle nehmen in immer grösserem Ausmass neue atheistische oder rein positivistische Theorien ein. Mit der epidemischen Entchristlichung Europas büsst der theologische Antijudaismus an Überzeugungskraft ein. Doch da konspirologische Motivationen bedeutend tiefer reichen als rationale Gedankenkonstrukte, geht der Antijudaismus der religiösen Konspirologie in eine rein ethnische antijüdische Rassenlehre über, deren Träger Angelsachsen, Deutsche und Österreicher werden; bei ihnen handelt es sich bald um Atheisten, bald um Neuheiden, bald um Rassenmystiker.
Sofern die ethnische Judenfeindschaft nicht mit einer rassistischen Gnostik verbunden ist (wie bei Guido von List, Jörg Lanz von Liebefels und deren Nachfolgern, den Ariosophen), begründet sie ihre Gegnerschaft zum Judentum mit der Behauptung, die gesellschaftlichen und kulturellen Umstände hätten dazu geführt, dass das jüdische Volk in der Diaspora (und vielleicht schon lange zuvor) zu einer pathologischen, sozial (und vielleicht sogar biologisch) kranken Gemeinschaft entartet sein, die unfähig sei, sich in sozial „gesunden“ Ethnien zu integrieren. (Einige Theoretiker, namentlich Lanz von Liebefeld, gingen noch weiter und orteten schon in der Ethnogenese der Juden ein finsteres Geheimnis, wobei sie extravagante Thesen über ihre Abstammung von alten Monstren, den sogenannten „Affen von Sodom“, aufstellten.) Die Juden galten dabei als Drahtzieher einer Verschwörung, die das Ziel verfolgte, „gesunde“ Ethnien zu zersetzen und der Welt das Diktat einer „wirtschaftlichen und kulturell-psychologischen Pathologie“ aufzuzwingen. In dieser Optik erscheint die religiöse Besonderheit des Judentums bloss als kulturelle Erscheinungsform der bioethnischen Besonderheit des Judentums; von den früheren antijüdischen Anklagen der christlichen Konspirologen übernimmt die ethnische Judenfeindschaft lediglich die kulturell-politischen, wirtschaftlichen und juristischen Argumente. Parallel zum Übergang zu dieser Art von konspirologischen Judengegnerschaft tauchen bei den Konspirologen selbst erstmals antichristliche Motive auf. Es schiessen neue Theorien über das „jüdische Wesen“ des Christentums selbst ins Kraut. Immer häufiger wird das Christentum mit einer Mine verglichen, die von den Juden gelegt worden sei, um die arischen Völker zu zerstören. Im 20. Jahrhundert wird diese rein ethnische, biologische und nichtreligiöse Variante der Konspirologie von den Theorien des Nationalsozialismus aufgegriffen. Zu bemerken ist, dass die russische Konspirologie auch in Emigranten- und Dissidentenkreisen nur ganz selten einer rein ethnischen Judenfeindschaft huldigte; hier herrschten immer noch die klassischen Denkmuster der katholischen Konspirologen vom 18. bis zum 20. Jahrhundert vor. Freilich darf man den Einfluss nicht ausser acht lassen, den die rassistische Betrachtungsweise auf die Konspirologen des 20. Jahrhunderts insgesamt ausgeübt hat; auch dort, wo der Schwerpunkt weiter auf theologisch begründeten Anklagen gegen das Judentum als Religion liegt, fällt auch der ethnische Faktor in mehr oder grossem Umfang ins Gewicht (was bei den frühren Konspirologen in keiner Hinsicht der Fall war; für diese reichte die Abkehr eines ethnischen Juden von der jüdischen Religion und seine Annahme des Christentums aus, um ihn von jedem Verdacht einer Beteiligung an der Verschwörung freizusprechen).
Zur Sondervariante der Judenfeindschaft entwickelte sich der „arische Rassismus“, wie er nationalsozialistischen Denkmustern eigen ist. Diese Version komplizierte das allgemeine Bild von der „Verschwörung“ insofern, als hier ausser den „Juden“ als den Urhebern der Degradierung der arischen Zivilisation auch die Rolle der nicht-arischen Völker in den Blickpunkt rückte, denen „rassische Komplizenschaft“ mit den Juden und ihrer negativen Ethnopolitik zur Last gelegt wurde. Die nicht-arischen Rassen wurden zu historischen „Kollaboranten“ der Juden erklärt. Auf diese Weise erhielten die „jüdischen Verschwörern“ bei den rassistischen Konspirologen neben den Freimaurern neue „Werkzeuge“ – die „niedrigen“, nicht-arischen Rassen.
Das Paradigma der „jüdischen Verschwörung“ ist von sämtlichen konspirologischen Vorstellungen die archetypischste: Es hat ungeheure Verbreitung erlangt und die antifreimaurerische Konspirologie weit hinter sich gelassen. Das Schicksal des jüdischen Volkes im 20. Jahrhundert – die Verfolgungen in Deutschland, die Gründung des Staates Israel, die Kriege im Nahen Osten – all dies verleiht nicht nur den Theoretikern der „jüdischen Verschwörung“ Auftrieb, sondern macht die „jüdische Frage“ auch zum wichtigsten ethno-politischen Konzept des 20. Jahrhunderts. (Bemerken wir, dass die Judenfeindschaft, der Antisemitismus, heutzutage in der arabischen Welt ungemein verbreitet ist, obschon die Araber der Rasse nach selbst Semiten, sprachlich wie blutsmässig die nächsten Verwandten der Juden und Anhänger einer Religion sind, die mit dem Judentum starke Ähnlichkeit aufweist.) Deshalb ist die ganze konspirologische Argumentation heute so aktuell wie niemals zuvor. Andererseits wird die Vorstellung von der „jüdischen Weltverschwörung“ unter lokalen Bedingungen auch auf andere Völker übertragen. So bilden sich nach dem Strickmuster dieses Paradigmas örtliche Theorien von einer „Verschwörung der nationalen Minderheiten“ heraus. Sie alle stellen allerdings blosse Neuauflagen ein und derselben konspirologischen Denkweise dar, und es ist kein Zufall, dass dort, wo von irgendeiner „Verschwörung“ die Rede ist, auch der „jüdische Faktor“ früher oder später zur Sprache kommt, ganz unabhängig davon, ob es dafür irgendwelche Begründungen gibt oder nicht.
Ende Teil 1.
Fortsetzung: Teil 2
Teil1: http://fufor.twoday.net/stories/2808019
Teil2: http://fufor.twoday.net/stories/2808024/
(yahoo.group)
Alexander Dugin
Moskau, 2005
Die Paradigmen der Verschwörung (S. 19-52)
Teil I
Der Gegenstand der Untersuchung
Zu Beginn unserer Betrachtungen zu einem so delikaten Problem wie der „Theorie der Verschwörung“, welches Leidenschaften aufwallen lässt (nicht nur journalistische, sondern auch politische, ja selbst juristische!), möchten wir sogleich darlegen, auf welche Art und Weise wir uns mit diesem Thema auseinanderzusetzen gedenken. Wir sind überzeugt, dass die Existenz oder Nichtexistenz der „Verschwörung“ selbst an der gegebenen Problematik nicht das geringste ändert. Ob wir es nun wollen oder nicht: Im Verlauf der letzten Jahrhunderte haben konspirologische Motive in der Geschichtsschreibung, der Kulturologie und sogar der Alltagspolitik eine dermassen bedeutsame Rolle gespielt (und stellen in manchen Fällen ein dermassen gewichtiges Argument dar), dass uns dies allein schon dazu veranlasst, dem Phänomen der „Konspirologie“ die ihm gebührende Aufmerksamkeit zu widmen. Hier kann man – mutatis mutandis – natürlich eine Parallele zur Religion ziehen, die nicht aufgrund des Faktums Gottes existiert, sondern aufgrund des Faktums des Glaubens. In unserem Fall könnte man sagen, dass die „Verschwörung“ im breitesten Sinne des Wortes besteht, so wie der historisch und soziologisch fixierbare Glaube an sie besteht, der auf einer mehr oder weniger ausgeklügelten Argumentation fusst. Selbstverständlich ist die Frage in ihrer ganzen Fülle schier unermesslich, und wir erheben in keiner Weise den Anspruch, sie erschöpfend zu behandeln. Uns geht es vor allem darum, die grundsätzlichen Voraussetzungen für eine leidenschaftslose und fundierte Erforschung der „Theorie der Verschwörung“ ausserhalb jeglicher polemischer oder rein faktologischer Streitigkeiten zu schaffen.
Wenn zumindest im Lauf der letzten Jahrhunderte eine grosse Anzahl von Menschen von der Existenz eines mehr oder weniger universalen Netzes von „Verschwörern“ überzeugt war (und ist), welche irgendwelche besonderen Pläne verfolgen und danach streben, diese der Menschheit aufzuzwingen, so liegt ein legitimer Forschungsbedarf vor.
Das von den Gegnern der „konspirologischen“ Denkweise am häufigsten vorgebrachte Argument besteht in dem Hinweis auf den grotesken Charakter der landläufigen „Konspirologie“, deren Maximen in der Tat offenkundig unzureichend, ja bisweilen absurd sind. (Dies gilt besonders für die antifreimaurerischen Mythen des 19. Jahrhunderts, die „Taxil-Affäre“ u.a.). Doch dank den Forschungen der zeitgenössischen Soziologen und Religionshistoriker (insbesondere Mircea Eliades) wissen wir, dass eine auf den ersten Bild unzutreffende Einschätzung dieser oder jener geschichtlichen Phänomene durch verschiedene Schichten der Gesellschaft von tiefverankerten unbewussten Archetypen künden kann (und in den meisten Fällen auch kündet), welche konkrete Fakten und Geschehnisse auf mythologische Paradigmen zurückführen, auch wenn letztere sich einer rationalen Betrachtungsweise weitgehend entziehen mögen. Beispielsweise zeugen das dem russischen Bolschewismus eigene messianische Pathos und seine klaren Analogien zum auf Neuguinea praktizierten Hexenkult (vgl. M. Eliade, Mephistopheles und das Androgyne) vom zutiefst archaischen Charakter gewisser Schichten des Volkes, welches das Russische Imperium vor der Oktoberrevolution bewohnte, und von der Hartnäckigkeit, mit der sich manche mythologische Komplexe auf der Ebene des kollektiven Unterbewusstseins hielten. Genau so verhält es sich auch mit der landläufigen „Konspirologie“. Ihre Radikalität sowie ihr Hang zur Vereinfachung sind lediglich Zeichen dafür, dass sie gewissen archaischen Bewusstseinsschichten entspricht, welche sich auf rationalem Wege nicht vollumfänglich erklären lassen, jedoch trotzdem aus der Tiefe nach aussen drängen und danach streben, ihrer stummen und zuweilen wirren Botschaft von der „Gefahr der Weltverschwörung“ Gehör zu verschaffen. Dass eine Neigung zur Konspirologie einerseits häufig mit einer tatsächlichen psychischen Störung verbunden ist und andererseits viele Geisteskranke natürlich und spontan ohne vorhergehende Präparierung in grossen Zügen die Etappen der „konspirologischen Logik“ nachvollziehen (man halte sich nur die verschiedenen Varianten manisch-depressiver Störungen vor Augen), beweist ein weiteres Mal die Verwurzelung des Problems der „Verschwörung“ in den Grundschichten der menschlichen und sozialen Psyche und ist durchaus keinen Beweis dafür, dass die Verschwörungstheorie „das Produkt einer psychischen Störung“ ist. Hier gilt eine umgekehrte Logik. Die aus unterschiedlichen Gründen auftretende Schwächung der rationalen individualisierten Bewusstseinsstrukturen offenbart einen tieferen Inhalt der Psyche, und nur die Erhellung dieses Inhalts (nicht aber die Flucht vor ihm) kann zur Bildung einer wahrhaftig vollwertigen Persönlichkeit führen; als ideales Beispiel für eine solche können beispielsweise die orthodoxen religiösen Mystiken dienen, welche die psychischen Abgründe mit dem Licht einer konkreten, rationalen, ja sogar suprarationalen Theologie erfüllen.
Wie dem auch sei: Die „Konspirologie“ an sich ruft gebieterisch nach einer planmässigen Analyse und Erforschung. Wir haben uns die Aufgabe gestellt, eine solche zu verwirklichen (oder zumindest im Rahmen des Möglichen in Angriff zu nehmen); sie wird sich für alle an dieser Thematik interessierte Forscher, aber auch für die Anhänger und Widersacher der ungemein heiklen „Verschwörungstheorie“ als nützlich erweisen.
Das grundlegende konspirologische Modell
Betrachten wir nun, was man eigentlich im weitesten Sinne unter einer „Verschwörung“, oder genauer gesagt unter einer „Verschwörung im Weltmassstab“, versteht. Die Idee einer solchen „globalen Verschwörung“ stellt nämlich die Grundlage der „Konspirologie“ auch in jenen Fällen dar, wo es lediglich um die Erklärung einer begrenzten, lokalen Verschwörung geht.
Schematisierend lässt sich sagen, dass das Ausgangsaxiom der Konspirologie in der Vorstellung vom Vorhandensein einer geheimen Gesellschaft besteht, deren Mitglieder danach streben, sich die Welt untertan zu machen und eine vollkommen neue Ordnung zu schaffen, in der sie die Schlüsselpositionen einnehmen und die unumschränkte Herrschaft ausüben werden. Wichtig ist dabei, dass die angeblich angestrebte Ordnung nicht einfach irgendeine Ordnung sein wird, sondern eine der zum gegebenen Zeitpunkt oder „gestern“ bestehenden direkt entgegengesetzte. Die Geheimgesellschaft selbst besteht nicht einfach aus zwar „schlechten“, aber trotzdem „gewöhnlichen“ Menschen, sondern aus speziellen „Genies des Bösen“, die darüber hinaus im Vergleich zur „normalen“, „natürlichen“ Menschheit eine fundamentale, typische Anomalie aufweisen.
Aus dem bisher Gesagten ergeben sich folgende Punkte:
1. Im Zentrum der „Verschwörung“ stehen Menschen.
2. Diese Menschen verbergen sich hinter dem Mantel eines Geheimnisses.
3. Diese Menschen sind ihrem Wesen nach grundsätzlich verdorben.
4. Das Ziel der „Verschwörung“ besteht in der Schaffung einer „Antirealität“, die der „Antinormalität“ der Verschwörer selbst entspricht.
5. Das negative Ziel der „Verschwörung“ liegt in der Vernichtung der „natürlichen“, „normalen“ Ordnung der Dinge, die eine „Hürde“ oder ein „Hindernis“ darstellt (oder zumindest in der Unterwerfung und Unterjochung der „normalen“ Realität.
Der erste dieser Punkte ist durchaus keine tautologische Behauptung. Er stellt im Gegenteil einen fundamentalen Aspekt der modernen (d.h. nach der Epoche der Aufklärung entstandenen) Konspirologie dar, im Gegensatz zu analogen Konzepten, die in den traditionellen sakralen Gesellschaften bestanden. Im Prinzip anerkennen sämtliche religiösen Doktrinen – aber auch manche weltliche Lehren wie der Marxismus mit seiner Theorie von der „Veränderung der ökonomischen Gesellschaftsformationen“ - das Vorhandensein gewisser Ziele, einer gewissen Logik und gewisser vorbestimmten Etappen in der Geschichte. Doch im allgemeinen machen die Religionen für den zyklischen Verlauf der Geschichte, die sich fortlaufend von ihrem sakralen Urquell entfernt und sich somit fortwährend verschlechtert, unpersönliche, verhängnisvolle oder schicksalhafte Kräfte oder nichtmenschliche Vollstrecker der Vorbestimmung verantwortlich – Engel, Dämonen, Geschöpfe der Finsternis, welche die Menschheit auf ihren eschatologischen Fall sowie auf ihre Auflösung zutreiben. In der modernen Konspirologie hingegen wird in jedem Fall der spezifisch menschliche Charakter der Verschwörung hervorgehoben; die teleologischen Ideen von der Vorbestimmung spielen in der Regel lediglich eine Nebenrolle (und auch dies nur bei einem bestimmten Typ von Konspirologien). Die „Verschwörung“ ist unbedingt eine „Verschwörung von Menschen“, und nicht zufällig fällt das Erscheinen der historischen Konspirologie mit der Epoche der Aufklärung zusammen, als der „humanistische“, „rein menschliche“ Faktor für den massgeblichen Teil der Menschheit
kulturell zu dominieren begann (im Westen wohlverstanden).
Alles in allem bedeutete die Neuzeit einen schroffen Bruch mit den letzten inerten Überresten der sakralen Zivilisation in Europa, die in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters rasch zu zerfallen begannen. Die Neuzeit wurde zum Triumph „des Menschen“, der als causa sui betrachtet wurde. Parallel zum Vormarsch des „Humanismus“ in allen Sphären der Kultur nahm die historische Prädestinationslehre, die sich noch Jahrhunderte nach dem Zusammenbruch der religiösen Zivilisation im Westen hielt, die Form des Glaubens an eine „geheime Gesellschaft“ von Menschen an, die für den negativen historischen Gang der Geschehnisse verantwortlich waren, für jedes „Übel“, welches Gesellschaft und Zivilisation in weltweitem Massstab heimsuchte.
Somit ist die Konspirologie in den meisten Fällen mit einer „weltlichen“, „laizistischen“, „nichtreligiösen“ Einstellung zur Logik der Geschichte verbunden. Doch gleichzeitig ist das typische konspirologische Bewusstsein in der Praxis von der Vorstellung geprägt, dass diese Entwicklung der Geschehnisse unvermeidlich ist. Diese Vorstellung ist ein Rudiment der sakralen Weltanschauung. Genauer gesagt, für die Konspirologie als Ganzes ist kennzeichnet, dass „weltliche“ und „religiöse“ Motive (bzw. „Humanismus“ und „Fatalismus“) Hand in Hand gehen, und diese (meist unbewusste) Verknüpfung erklärt die besondere Extravaganz, die konspirologischen Konzepten im allgemeinen eigen ist.
Dass die Gesellschaft der „Verschwörer“ geheim ist, folgt auch daraus, dass die Vertreter der Verschwörungstheorie den Mechanismus der Geschichte ebenfalls doppelbödig auffassen. Einerseits ist diese Verschwörergesellschaft dem Blick gewöhnlicher Menschen verborgen, so wie die diesseitigen Kräfte des Bösen dem Gläubigen verborgen sind. Andererseits weist dieselbe Gesellschaft auch eine bestimmte soziale Struktur auf und ist keinesfalls dem „dämonischen Gefolge des Teufels“ oder dem „Heer der Asuren“ (Dämonen) - so die hinduistische Vorstellung - gleichzusetzen.
Genau so ist auch die „neue Weltordnung“, die das Ziel der „Verschwörer“ bildet, mystisch wie das „apokalyptische Reich des Antichristen“, jedoch gleichzeitig menschlich rational, nur eben gemäss einer besonderen, perversen, jedoch ebenso „humanistischen“ Logik. Beispielsweise werden anstelle der „Besten“ in ihr die „Schlechtesten“ herrschen; anstelle von „Normen“ wird in ihr die „Pathologie“ zum Gesetz erklärt werden, etc.
Schliesslich weist die Aggression der „Verschwörer“ gegen den „Status quo“ einer konkreten Gesellschaft unweigerlich die immer gleiche Stossrichtung auf: Sie richtet sich unabänderlich gegen das zum jeweiligen Zeitpunkt Bestehende, unabhängig von seiner Qualität. Für das religiöse Bewusstsein steuert die Verschlechterung der Realität somit konstant in der gleichen Richtung und steuert auf eine ständig zunehmende Auflösung bis zur finalen eschatologischen Katastrophe zu, auf die eine neue Vereinigung mit dem Urquell folgt. Deshalb ist für die Konspirologen der Verlauf der Geschichte an sich negativ und nicht bloss diese oder jene konkrete Phase. Dieser Hass auf die Gegenwart wird von den „Verschwörern“ denn auch in jeder konkreten Epoche je nach dem Wandel der Gesellschaftsstruktur und der politischen Prioritäten instrumentalisiert.
Die erwähnten Momente tragen dem halbunbewussten Charakter der konspirologischen Konzepte Rechnung, in denen ein verschwommenes Verständnis des sakralen Determinismus der Geschichte und ihrer zyklischen Vorausbestimmung als „archaisches, inertes und unbewusstes religiöses Element“ fungiert und die positivistisch-humanistische Vorstellung vom „Menschen als Schöpfer der Geschichte“ die Funktion des „rationalen Überbaus“ erfüllt. Damit erklärt sich übrigens auch die bei Konspirologen häufig zu beobachtende Tendenz zur mentalen Pathologie als Resultat des Ineinandergreifens zweier verschiedenartiger Koordinatensysteme beim Herantreten an ein und dieselbe Realität. Deshalb nehmen die „Verschwörer“ selbst in den Augen ihrer Entlarver den Charakter recht eigentlicher Monstren an, in denen das „Menschliche“ (einschliesslich der menschlichen Laster) sich mit dem „Unmenschlichen“ paart und dadurch die Ausgangsposition der Konspirologen selbst widerspiegelt, in deren Bewusstsein beide Ebenen in der Regel ineinander übergehen.
Konspirologie und Traditionalismus
Unternehmen wir einen kleinen Abstecher auf eine anderes, doch mit der Konspirologie verknüpftes Gebiet. Wir denken dabei an das, was man heute mit einem gewissen Grad an Zurückhaltung das „traditionelle Denken“ (la pensée traditionelle“) nennt. Dabei handelt es sich um eine besondere Richtung des Denkens, das die moderne Welt einer erbarmungslosen Kritik unterzieht. Im Gegensatz zur überwältigenden Mehrheit der Kritiker der modernen Zivilisation berufen sich die Traditionalisten nicht auf „humanistische“ oder „progressive“ Werte, sondern auf die Werte der integralen Tradition, die als „totales Phänomen“ aufgefasst wird, welchem sämtliche Aspekte des gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens untergeordnet werden. Der hervorragendste Vertreter dieser Richtung war der französische Esoteriker René Guénon, der die Grundprinzipien der „traditionalistischen“ Denkweise begründete. Nachträglich zählte man die bedeutenden „theokratischen Konspirologen“ des Westens wie Donoso Cortez und Josef de Maistre, aber auch einige Schriftsteller der „okkulten Richtung“ (und zwar in erster Linie Saint-Yves d’Alveydre) bereits nach Guénon zu den Vorläufern des Traditionalismus. Dennoch wurden Guénon sowie die Denker, auf die er entscheidenden Einfluss ausgeübt hat, zu „Traditionalisten“ im vollen Sinne dieses Begriffs.
Konspirologische Motive standen und stehen für die Traditionalisten nicht im Mittelpunkt, doch haben sie bei ihnen seit jeher ungeheures Interesse erweckt (davon zeugt beispielsweise die Tatsache, dass Guénon selbst eine Zeitlang mit dem bekannten Konspirologen und Antifreimaurer Abel Claren de la Rive zusammengearbeitet und unter dem Pseudonym „Sphinx“ sogar für dessen Zeitschrift „Das antifreimaurerische Frankreich“ geschrieben hat). Entscheidend ist auch nicht, dass die Konspirologie das Bewusstsein der Traditionalisten in gewissem Ausmass geprägt hat. Wichtiger ist, dass gerade die Traditionalisten zuerst und mit äusserster Schärfe das intellektuelle und historische Paradigma eines Phänomens formuliert haben, das bei den gewöhnlichen Konspirologen „Verschwörung“ genannt wird. Die Traditionalisten, welche die unanfechtbare Autorität der sakralen und religiösen Tradition voll und ganz anerkennen und die Anwendung der traditionellen Lehren mit äusserster Konsequenz auf die gesamte Sphäre der zivilisatorischen und historischen Phänomene anwenden, waren (wenigstens theoretisch) frei von den Vorurteilen des „humanistischen“ und „positivistischen“ Bewusstseins, welche im Grunde auch die Mentalität der Konspirologen prägten. Deswegen konnte der Traditionalismus das, was die Anhänger der „Verschwörungstheorie“ nur „halbbewusst“ anstreben, unbefangen beleuchten und aussprechen. Gleichzeitig konnte gerade die traditionalistische Auffassung dieses Problems die Fehler, Übertreibungen und Missverständnisse übertünchen, die der rein konspirologischen Methodik eigen sind.
Vom Standpunkt der Traditionalisten aus ist die Geschichte in ihrer Gesamtheit sakral, da sie einen nicht-menschlichen (göttlichen, engelhaften) Urquell sowie ein nicht-menschliches Ziel besitzt. Die Logik der sakralen Geschichte ist durch die metaphysische Struktur des Seins bestimmt und untersteht einzig und allein dem Gesetz der höheren göttlichen Vorsehung. Der Mensch spielt in dieser Geschichte lediglich eine rein symbolische und rituelle Rolle. Er vertritt und imitiert auf der irdischen Welt das himmlische Prinzip, er verwirklicht in dieser Existenz den göttlichen Plan der Vorsehung. In dieser Perspektive ist der Mensch das Gefäss des Nicht-Menschlichen, des Göttlichen (erinnern wir uns an die berühmte Stelle aus den Psaltern: „Ich sagte: Götter seid ihr“). Doch gleichzeitig ist die Struktur der sakralen Geschichte dem Gesetz der Degradierung, der Involution, unterworfen, denn gleich nach der ihrer Essenz, ihrem Wesen nach segensreichen Schöpfung (Offenbarung) der Welt steht eben dieser Welt lediglich ein Entwicklungsweg offen – der Abfall von seinem Urquell (der entgegengesetzte Weg, die Rückkehr der Welt in den Schoss des Schöpfers, würde das Aufhören ihrer Existenz als eines vom Schöpfer getrennten Entität bedeuten, d.h. das Aufhören der Welt als solcher, ihr Ende). Die Welt, die Schöpfung (und nicht Schöpfer) bleibt, entwickelt sich auf ihren Zerfall, ihre Verschlechterung hin, wobei sie ihre Ähnlichkeit mit dem Prinzip mehr und mehr verliert. Wenn der Zyklus der Welt sein Minimum (d.h. die maximale Degradierung) erreicht, erfolgt eine augenblickliche Reintegrierung, die Rückkehr der losgerissenen Realität in den Schoss des Urquells. Die pulsierenden Zyklen (Erscheinung – beständiger Niedergang – sofortige Auferstehung) stellen den Grundinhalt des Paradigmas der sakralen Geschichte in ihrer allgemeinsten Form dar. Der Mensch in seiner Welt erweist sich als eines der Elemente des sakralen Komplexes, was darauf hinausläuft, dass auch die menschliche Geschichte ein Prozess der zyklischen Degradierung vom paradiesischen engelhaften Status des ursprünglichen Adams des Goldenen Zeitalters bis hin zu den gefallenen, dämonisierten „Nicht-Menschen“ der apokalyptischen Periode ist, nach deren Abschluss auf geheimnisvolle Weise eine neue sakrale Menschheit des folgenden Goldenen Zeitalters auftritt.
Im Rahmen dieses Bildes erwirbt die Rolle des menschlichen Faktors in der Geschichte die Eigenschaft der Doppelbödigkeit. Einerseits erfüllen die Menschen bloss die Pläne der Vorsehung, wobei sie sich der objektiven Logik des Zyklus beugen; andererseits sind sie selbst die Akteure dieser Geschichte, da auf irdischer Ebene gerade der Mensch (im sakralen Verständnis dieses Begriffs, d.h. der „höhere Mensch“ als Träger des metaphysischen Bewusstseins) gegenüber den anderen Wesen das Prinzip vertritt. Da die Menschen vom traditionalistischen Standpunkt aus gesehen einander substantiell und prinzipiell nicht gleich sind, existiert auch in der Sphäre der Geschichte einer Hierarchie verschiedener Typen von Menschenwesen. Die einen stehen dem Willen der Vorsehung näher und sind aktive Teilnehmer an der Geschichte; andere stehen ihm ferner und spielen deshalb im Gang der Geschichte nur eine passive Rolle. In rein menschlicher Perspektive (d.h. unter Ausklammerung des Plans der Vorsehung) gilt der erste Menschentyp als der herrschende und der zweite als der beherrschte; so verhält es sich auch tatsächlich. Doch da die sakrale Hierarchie der Tradition auf dem Primat der Einheit gegenüber der Vielheit und der Qualität gegenüber der Quantität beruht, muss sich die Hierarchie der Herrschenden natürlich mit zunehmender Annäherung an den Gipfel verengen, wo sich der symbolische Eine und Einzige befindet – der König der Welt, der Gottmensch, der Vermittler, der Grosse Mittler zwischen der Erde (den Menschen) und dem Himmel (dem Geist). Diese symbolische Figur (der Chakravarti der indischen Lehre, der heilige Kaiser der chinesischen Tradition, der König-Messias des Judentums etc.) ist der Quell der irdischen Macht und das Zentrum, das die irdische menschliche Geschichte in Übereinstimmung mit dem Gesetz der Vorsehung bestimmt. Doch dieses Wesen ist bereits kein Mensch im eigentlichen Sinne dieses Wortes mehr. Es ist etwas Grösseres – Er, der Gott-Mensch, der menschgewordene Engel (vgl. R. Guénon, „Der König der Welt“).
Da wir der Meinung der Traditionalisten und der Tradition selbst zufolge heutzutage in der Endperiode eines Zyklus leben, in einer Epoche der Verfinsterung und eines extremen Abfalls der Schöpfung vom Schöpfer (und hierhin stimmen die Überzeugungen aller authentisch sakralen Religionen – Hinduismus, Islam, Christentum, Buddhismus, Taoismus, ja selbst die archaischsten fetischistischen und degradierten Kulte überein), verfinstert sich auch das sakrale Prinzip selbst und entzieht sich der Erkenntnis der Menschen; dies heisst, dass sich auch die Figur des „Königs der Welt“, des höchsten Vollstreckers des Plans der Vorsehung auf Erden, sowie des Zentrums der Geschichte, sich hinter einem Vorhang des Geheimnisses verbirgt und aus dem Spektrum der allgemeinen Aufmerksamkeit verschwindet, sich in geheimnisvolle unzulängliche Regionen zurückzieht. Doch dass das Prinzip in die Ferne entrückt, bedeutet keineswegs sein tatsächliches, vollständiges Fehlen; es ist auch weiterhin allgegenwärtig und zentral, doch nur auf besondere, geheime Weise. Die geheime Tätigkeit des „Königs der Welt“ sowie der von ihm auserkorenen Mitstreiter wird selbst in den finstersten und profansten Epochen nicht einen Augenblick lang unterbrochen.
Da die Degradierung der Welt gemäss der Göttlichen Logik eine metaphysische Notwendigkeit darstellt, braucht es andererseits auch Verwirklicher dieser Degradierung, Träger der Zerstörung. Und da wir es mit Menschenwesen zu tun haben, müssen die Träger der Kräfte der Zerstörung ebenfalls unter den Menschen zu suchen sein. In der Theologie werden die Kräfte der Destruktivität und Degradierung in der Gestalt des Teufels personifiziert, des gefallenen Engels. Die metaphysische Perspektive des Traditionalismus bezeichnet das Zentrum der Kräfte der Zerstörung als „Gegen-Inititiierung“, d.h. einen besonderen Typ der Tradition, wo alle Proportionen verzerrt sind und alles in sein Gegenteil verkehrt wird. Dieses Zentrum beherrscht ein parodienhafter, umgekehrter „König der Welt“, jener, den das Evangelium den „Fürsten dieser Welt“ nennt. Das Demonstrativpronomen „dieser“ unterstreicht den nachäffenden Charakter der Gegen-Initiierung, welche die Struktur des Zentrums der „von oben“ wirkenden Macht der Vorsehung, die vom wahren „König der Welt“ regiert wird, in umgekehrter Perspektive („von unten“, „rein diesseitig“) reproduziert. Es entspricht der Natur der Dinge, dass auch die Gegen-Initiierung eine menschliche Projektion besitzt, d.h. einen besonderen Menschentyp, der den Willen des Verhängnisses bewusst vollstreckt und sich dabei den Kräften der Zerstörung unterwirft. Dieser Typ von Menschen, von „Agenten“ des „Fürsten dieser Welt“, nennt die islamische Tradition „Avlin-esch-Scheitan“ (wörtlich: „heilige Satane“). Das Wirken des gegen-initiatorischen Kreises von Menschen muss unbedingt vor unbefugten Blicken verborgen bleiben, weil die Ziele und Aufgaben der Konspiration die „neutralen“ Menschen, in denen sich stets zumindest Überreste eines sakralen und religiösen Gefühls bewahrt haben, zwangsläufig erschrecken müssen.
So bestätigt der traditionalistische Blick auf die Metaphysik der Geschichte die Existenz eines geheimen Zentrums der menschlichen Geschichte, welches dazu noch aus zwei entgegengesetzten Teilen besteht – einem Zentrum der Vorsehung („der König der Welt“) und einem Zentrum der Gegen-Initiierung („der Fürst dieser Welt“). Die Degradierung der Welt fügt sich unstrittig in die Pläne der göttlichen Vorsehung ein und dient einem höheren, transzendenten Ziel (was letzten Endes darauf hinausläuft, dass auch der „Fürst dieser Welt“ selbst nichts weiter als ein Instrument des wahren und einzigen allmächtigen „Königs der Welt“ ist), aber dennoch klafft im Prozess der Geschichte zwischen den beiden Polen der geheimen Macht ein Abgrund; sie stellen die historischen und geistigen Extreme der Menschheit dar, das Extrem der Erhabenheit und Heiligkeit sowie jenes des Falls und der Sünde. Zwischen den beiden Polen der geheimen Macht tobt die ganze Geschichte hindurch ein unversöhnlicher Kampf, welcher den letzten und tiefsten Inhalt des globalen Zyklus der Menschheit darstellt. (Vgl. R. Guénon, Die Herrschaft der Quantität und die Zeichen der Zeit; J. Evola, Revolte gegen die moderne Welt).
So bietet die traditionalistische Perspektive uns ein vollständigeres und komplexeres Bild des sakralen Hintergrundes der Konspirologie. Das Wichtigste ist unserer Meinung nach freilich, dass es die gängige konspirologische Optik nicht erlaubt, einen klaren Unterschied zwischen dem geheimen Zentrum der Vorsehung und dem Zentrum der Konspiration zu machen; deshalb besteht bei konspirologischen Forschungen stets die Gefahr, dass man den „König der Welt“ mit dem „Fürsten dieser Welt“ verwechselt (desgleichen auch jene, die sie als Diener und mit einer besonderen geschichtlichen Mission betrauten Gefolgsleute auserwählt haben); dies macht dieses Forschungsgebiet für inkompetente Forscher ausserordentlich gefährlich und liefert eine teilweise Erklärung für den alarmierenden Beigeschmack, den die Konspirologie insgesamt aufweist, sowie für das oft unerklärlich tragische Schicksal der Konspirologen selbst. Da die Konspirologen nicht in der Lage sind, innerhalb des geheimen Zentrums der „Verschwörung“ zwei miteinander im Widerstreit stehende Kräfte zu erkennen, verbinden sie Dinge, die so weit voneinander entfernt sind wie Wasser und Feuer, Paradies und Hölle, und deshalb ist ihre Intuition dazu verurteilt, immer nur ein besorgniserregender „Verdacht“ zu bleiben, bei dem die höchste Wahrheit fest mit einer ungeheuerlichen Lüge verkettet ist.
Konspirologische Varianten
Bevor wir zu einer allgemeinen konzeptuellen Übersicht über die konkreten konspirologischen Modelle übergehen, wollen wir die am häufigsten anzutreffenden Varianten der „Verschwörungstheorie“ aufzählen:
1. „Die freimaurerische Verschwörung.“ Dieses Thema ist für die Konspirologen religiöser Orientierung am charakteristischsten: Katholische Integristen sowie konservative und fundamentalistische Orthodoxe. Bei der Entlarvung der Freimaurerei stehen traditionell theologische Beweggründe im Vordergrund.
2. „Die jüdische Verschwörung.“ Dieses „bedeutsame“ konspirologische Konzept weist zwei Grundversionen auf: Die theologische (bei der die religiösen Aspekte des Judentums Zielscheibe der Kritik sind) und die rassistische (hier geht es um die nationale Eigenart der Juden und ihre rassische Mission).
3. „Die Verschwörung der Bankiere“ oder, allgemeiner, die „wirtschaftliche Verschwörung“. Hier berührt sich die Konspirologie mit der Politologie, der Wirtschaftswissenschaft und der Soziologie. Einige Aspekte dieser konspirologischen Variante fallen mit den politischen Doktrinen des Marxismus zusammen.
4. „Die Verschwörung der Habenichtse“ oder „die bolschewistische Verschwörung“. Diese Konzeption entspricht einem Klischee des europäischen Massenbewusstseins.
5. „Die mondialistische Verschwörung“. Es ist dies die neuste Form der Konspirologie; sie enthüllt die Pläne der „geheimen Weltregierung“ im Verlauf der letzten Jahrzehnte. Die Besonderheit dieser Variante der Konspirologie liegt darin, dass die Vereinigten Staaten von Amerika als besonderes geopolitisches Zentrum mit spezifischen und in in mancher Hinsicht höchst suspekten kulturellen und futurologischen Konzepten das hauptsächliche Forschungsgebiet darstellen.
6. „Die Verschwörung der Sekten“. Als neue Version dieses bereits recht alten konspirologischen Themas lässt sich das Konzept der „neospiritualistischen Verschwörung“ herausschälen, welche sich der politischen Aktivität neomystischer Gruppen und Bewegungen zuwendet.
Fassen wir die Besonderheiten jedes dieser Konzepte nun in geraffter Form zusammen.
Der geschürzte Teufel mit Hammer und Schaufel
Die Theorie von der „freimaurerischen Verschwörung“ nahm mit der Epoche der Französischen Revolution klare Konturen an, auch wenn bereits früher, im 18. Jahrhundert, seriöse antifreimaurerische Schriften erschienen waren (vgl. das 1748 von sechs Doktoren der Sorbonne verfasste Traktat Schrift und Konsultation bezüglich der Freimaurer). Die fundamentalsten Werk, die den freimaurerischen und antireligiösen Charakter der Französischen Revolution anprangerten, waren die 1779 bzw. 1797 erschienenen Schriften des französischen Abtes August Barruel und des Engländers John Robinson. Bemerkenswerterweise gehörte Robinson einer englischen Freimaurerloge an, doch eine Reise durch Europa, insbesondere Frankreich und Deutschland, überzeugte ihn vom radikalen Unterschied zwischen dem „antireligiösen“ kontinentalen Freimaurertum und der gegenüber der Kirche voll und ganz loyalen englischen Maurerei. Der Titel von Robinsons Hauptwerk spricht für sich selbst: Beweise für eine Verschwörung gegen alle Religionen und alle Staaten Europas, die auf Versammlungen der Illuminaten, der Freimaurer und der literarischen Gesellschaften gesammelt wurden (London 1979). Auffallenderweise war der zweite Entlarver der „freimaurerischen Verschwörung“, ein unversöhnlicher Feind der Revolution, ebenfalls ein Freimaurer des höchsten Einweihungsgrades: Josephe de Maistre, der als Begründer des „absoluten theokratischen Konservativismus“ sowie als „Vater der weltweiten Konterrevolution“ galt.
Die Argumentation Barruels und seiner Nachfolger lief insgesamt auf folgendes hinaus: Die Freimaurerei stellt keine philanthropische, sekuläre Organisation unschuldiger humanitärer Sonderlinge und Gelehrte dar, wie man im 18. Jahrhunderte allgemein glaubte, sondern eine Geheimgesellschaft antichristlicher und satanistischer Stossrichtung, zu deren Zielen die Vernichtung der Kirche und der europäischen monarchistischen Mächte, die Errichtung einer blutigen Diktatur und die Einführung dämonischer Kulte gehört. Diese Gesellschaft besitzt eine jahrhundertelange Geschichte und ist für die hauptsächlichen Katastrophen der europäischen christlichen Geschichte verantwortlich. Unter der Maske des Liberalismus und des Freidenkertums verbergen sich totaler Atheismus und Tyrannei, und die äusserliche Einfältigkeit der freimaurerischen Rituale dient lediglich dazu, deren straffe und weitverzweigte internationale kosmopolitische Struktur zu vertuschen, welche die gesamte Welt umfasst. Die Französische Revolution war eine Manifestation dieser teuflischen Kraft.
Sämtliche freimaurerischen Rituale wurden von Barruel in dämonischem Sinne umgedeutet, und der Freimaurerei wurden Dämonenkult, alle Arten von gotteslästerlichen und frevlerischen Taten, schwarze Messen etc. zur Last gelegt.
Schon in den ersten antifreimaurerischen Büchern schimmern typische und beharrliche Gleichstellungen durch: „Die Freimaurerei ist ein sozialer und politischer Auswuchs des Satanismus“, „Der Freimaurer ist ein Mörder, ein Lüstling, ein Atheist und ein Gottesfeind“. In späteren konspirologischen Schriften finden sich so gut wie keine neuen theoretischen Ergänzungen; in den Büchern, welche die „geschürzten Teufel mit Hämmern und Schaufeln“ entlarven, tauchen lediglich immer neue Fakten und Interpretationen von Fakten auf.
Ein Jahrhundert darauf erliess Papst Leo III eine antifreimaurerische Bulle, die folgenden Aufruf enthielt: „Reisst der Freimaurerei die Maske herunter, zeigt sie so, wie sie ist!“ Auf der neuen Welle der Antifreimaurerei ritten auch bedeutende Konspirologen wie Armand-Joseph Fave, Paul Kopen-Albaniselli, de Bessonyer (bekannter unter dem Pseudonym Gabriel Sularka), Abel Claren de la Rive und schliesslich Leo Taxil auf, der das satanische Wesen der Freimaurerei geisselte, aber später zugeben musste, dass er sich der Fälschung und der Verzerrung der Fakten schuldig gemacht hatte, was seinerzeit in der ganzen katholischen Welt einen ungeheuren Skandal heraufbeschwor.
Im 20. Jahrhundert führten der polnische Aristokrat Emmanuel Malynski mit seinem 25-bändigen Werk „Die Mission des Gottesvolkes“ sowie sein Koautor Leon de Ponsen, Herausgeber einer Zeitschrift mit dem klassischen Titel Konterrevolution, diese Linie fort.
In Russland fanden die antifreimaurerischen Schriftsteller des Westens (und natürlich in erster Linie des westlichen Katholizismus) Unterstützung bei Autoren wie Alexei Schmakow und Alexander Seljaninow, die mit dem Gedankengut der westlichen Konterrevolutionäre vertraut waren und diese gegenüber der russischen Öffentlichkeit nicht nur anhand einheimischen Materials nahebrachten, sondern auch ein orthodoxes Element in das theoretische Gerüst der antifreimaurerischen Polemik einbrachten. Doch zur bedeutendsten Figur (zumindest wenn man den Einfluss seiner Enthüllungen auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts zum Gradmesser nimmt) wurde Sergei Nilus, der die bekannten Protokolle der Weisen von Zion veröffentlichte, in welchen die „Verschwörungstheorie“ in ihrer grellsten und eindrücklichsten Form von den „Verschwörern“ selbst dargelegt wurde.
Es sei darauf hingewiesen, dass in praktisch allen Werken antifreimaurerischer Schriftsteller eine streng konservative, „konterrevolutionäre“ Einstellung eigen ist; das Grundmuster ist und bleibt stets dasselbe. Die Entlarvung der Freimaurerei erfolgt nach dem immer gleichen traditionellen Schema.
Auch heute wiederholen die antifreimaurerischen Konspirologen faktisch das, was bereits Barruel gesagt hat. Dies gilt sowohl für Europa, wo konterrevolutionäre, katholisch-integristische (und somit implizit antifreimaurerische) Stimmungen in den letzten Jahren in gewissen politischen und kirchlichen Kreisen wiederum Auftrieb erhielten, als auch in Russland, wo die Protokolle der Weisen von Zion in unseren Tagen bei Menschen, die sich in ihren politischen Ansichten grundlegend unterscheiden, auf Interesse stossen.
Bemerkenswert ist, dass die dreihundertjährige hitzige Polemik zwischen Antifreimaurern und Anhängern der Freimaurerei mit allen hüben und drüben angeführten Beweisen, Entlarvungen, Hintergrundenthüllungen und lärmigen Kampagnen in der Presse niemanden auch nur im geringsten von irgendetwas überzeugt hat (und anscheinend auch nie jemanden überzeugen wird). Wenn konspirologische antifreimaurerische Stimmungen aufkeimten, dann durchaus nicht darum, weil die Argumente jener, welche die Freimaurerverschwörung anprangerten, besonders schlagkräftig gewesen wären, genau so wenig wie ihr Abflauen die Folge der Überzeugungskraft der freimaurerischen Dementis gewesen wäre. In der Konspirologie besassen Beweise kaum je irgendwelches Gewicht, und ungeachtet aller ins Feld geführten Fakten haben die Konspirologen mit unerschütterlicher Beharrlichkeit an ihren ursprünglichen Paradigmen festgehalten, welche sich merkwürdigerweise mit der Zeit fast gar nicht ändern und im zwanzigsten Jahrhundert nicht weniger Anhänger finden als im achtzehnten.
Die antifreimaurerische These zeichnet sich durch ungemeine Beständigkeit aus, was zumindest davon zeugt, dass sie mit gewissen tatsächlichen psycho-politischen Archetypen übereinstimmt, die nicht nur bei den einander doch so unähnlichen Generationen der letzten drei Jahrhunderte ähnliche intuitive Befürchtungen wecken, sondern möglicherweise auch die freimaurerische Welt selbst berühren, die in dieser seltsamen politisch-kulturellen Bewegung vielleicht das Vorhandensein eines zweiten, den Brüdern des Tempels selbst bisweilen unbekannten Bodens entdecken.
„Töte den Besten unter den Goyim“!
Eng, manchmal sogar untrennbar mit dem Konzept der „freimaurerischen Verschwörung“ ist jenes der „jüdischen Verschwörung“ verbunden. Diese Verbindung fand ihren Widerhall in dem für die Konspirologie kennzeichnenden Ausdruck „jüdisch-freimaurerische Verschwörung“, der zum weitverbreiteten Klischee geworden ist - sowohl bei den Widersachern der „Verschwörung“ als auch in der gegen die Verschwörungstheorie gerichteten Propaganda, die sich beständig bemüht, die Substanzlosigkeit und Absurdität dieser Wortverbindung nachzuweisen. Dennoch ist die antifreimaurerische Konspirologie mit der antijüdischen durchaus nicht immer identisch, und zwar besonders deshalb, weil die Feindschaft gegen das Freimaurertum eine fast ausschliessend religiöse und konterrevolutionäre Doktrin ist und sich in erster Linie auf religiöse Argumente stützt, während die Judenfeindschaft oft keinerlei Zusammenhang mit irgendeiner Religion aufweist und in diesem Fall auf einer rein rassischen oder ethnischen Argumentation fusst.
Natürlich war der historische Antijudaismus genau wie die Feindschaft gegen die Freimaurerei vorwiegend christlich. Dass das Judentum Jesus Christus nicht anerkannt hat, gab den Anstoss zu einem fundamentalen Gegensatz zwischen zwei religiösen Grundeinstellungen, welcher dadurch, dass das Christentum in gewisser Weise an das Judentum anschliesst, noch verstärkt wurde. Ausserdem ist ein unverkennbar antijüdisches Pathos einer Reihe von Stellen des Neuen Testaments eigen. Ins Gewicht fällt jedoch vor allem, dass sich zahlreiche Passagen des Talmud durch einen unversöhnlichen, von rein jüdischer Warte aus theologisch begründeten Hass sowohl gegen Jesus Christus als auch gegen die christliche Kirche auszeichnen. Im Gegensatz zum Islam oder anderen Traditionen, deren allgemeine religiöse Perspektive der religiösen Dogmatik des Christentums allzu fern stehen, ist die ganze mit dem Neuen Testament, seiner Deutung, der Dechiffrierung der Gestalt des kommenden Messias etc. verknüpfte Problematik für das Judentum von unmittelbarem Belang. Dies führte zwangsläufig zu einer Feindschaft gegen die christliche Doktrin, die durch den Heiligen Apostel Paulus das Ende der „Ära des Gesetzes“ (und damit auch der mit dieser Ära verbundenen theologischen Methodologie) sowie den Beginn einer neuen „Ära der Gnade“ verkündete, die mit der Verkörperung des Wortes Selbst, des Christus Emmanuel, gekommen war und die sakralen Proportionen der religiösen Weltanschauung radikal veränderte. Auf diese Weise wurde das Judentum nach dem Kommen Jesu Christi zum natürlichen und dominierenden theologischen Gegner der Kirche Christi.
Doch der konspirologische Antijudaismus trat weit später auf, nämlich erst dann, als die theokratische christliche Zivilisation des Westerns dem raschen Zerfall anheimzufallen begann. Angesichts des Niedergangs ihrer eigenen Religion führten manche Christen diesen auf die „Ränke“ der Widersacher ihres Glaubens zurück, und diese waren, nicht nur „mythologisch“, sondern auch theologisch die Juden, welche sich weiterhin zu dem Gesetz bekannten, als ob die Gnade noch nicht auf die Erde gekommen sei (dass diese objektiv bestehenden theologischen Widersprüche in der Perspektive der Konspirologen bisweilen eine unwahrscheinliche Dimension annehmen, ist eine andere Sache). So führte die Degradierung der Kirche und ihr ständiger Verlust zentralen Positionen in der Gesellschaft zur Entstehung des Konzepts von der „jüdischen Verschwörung“, d.h. der These vom Vorhandensein einer internationalen politischen jüdischen Geheimorganisation, die danach strebte, der Rechtmässigkeit ihrer Religion auf sozialer, politischer und wirtschaftlicher Ebene Geltung zu verschaffen, was nur dann möglich war, wenn die christliche Weltanschauung und die mit ihr verbundenen Gesellschaftsordnung weltweit vernichtet wurden. Die Konspirologie der antijüdischen Richtung wandte sich der talmudischen und posttalmudischen Literatur zu und erkannte dort die Grundprinzipien der jüdischen politischen Strategie, die auf den religiösen Prinzipien des Judentums basiert. Gewisse Passagen atmeten religiösen Hass auf jene, die vom Standpunkt der orthodoxen Juden aus „Ungläubige“, „Götzendiener“, „Heiden“, „Goyim“ (althebräisch für „Völker“) oder „Akumom“ (althebräische Abkürzung für „Stern- und Planetenanbeter“) sind. Warf der vorkonspirologische Antijudaismus den Juden lediglich verhältnismässig „leichte“ magische oder wirtschaftliche Verbrechen vor (was wiederholt den Anstoss zu massiven Judenverfolgungen bildete), so bestand die Besonderheit der konspirologischen Judenfeindschaft in der Anprangerung jener internationalen Geheimorganisation, die sich das Ziel gesetzt hatte, das Judentum zur führenden religiösen und politischen Kraft des Erdballs zu machen. Es ist bezeichnend, dass die konspirologischen Enthüllungen der Judengegner politischen Phänomenen wie der Gründung der „Jüdischen Weltallianz“ durch Adolphe Crémieux oder der eigentlichen zionistischen Bewegung (T. Herzl, Achad ha Am, M. Nordau) vorausging, welche den Ängsten der Konspirologen vor der Gefahr einer globalen politischen, gegen die christliche Zivilisation gerichteten Tätigkeit des Judentums zwangsläufig Auftrieb verleihen mussten.
Die antijüdischen Konzeptionen des 19. Jahrhunderts betrachteten die politische Freimaurerei fast einhellig als Werkzeug des politischen Judentums. Somit wurde die Maurerei zum „Verbindungsglied“ der Verschwörung, während die Juden im 18. Jahrhundert lediglich als „Verbündete“ der zerstörerischen freimaurerischen Politik gegolten hatten. Im zwanzigsten Jahrhundert hielt man an der Einschätzung des neunzehnten fest; die antifreimaurerische Dogmatik der Konspirologen rückte in den Hintergrund, und die antijüdischen Motive dominierten immer mehr. (Nichtsdestoweniger war auch weiterhin von der freimaurerischen Verschwörung die Rede, sogar unter laizistischen Regimen wie der Sowjetunion zur Stalinzeit; das Zentralkomitee der KPDSU griff die Freimaurer bis zum Beginn der Treibjagd auf Trotzkisten und Bucharinisten regelmässig an, was seinen Ausdruck in der stalinistischen Filmkunst fand, in der Verschwörungsthemen eine wichtige Rolle spielten.)
Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildete sich mit besonderer Deutlichkeit auch die ethnische, rassische Variante der antijudaistischen Konspirologie heraus, die man oft als „Antisemitismus“ bezeichnete, obwohl dieser Ausdruck ungenau war, weil in der überwältigenden Mehrheit der Fälle nur Vertreter der jüdischen Nation Gegenstand der Kritik waren und gegen die anderen semitischen Völker keinerlei „Anklagen“ erhoben wurden. Hier haben wir es mit einem doppelbödigen Phänomen zu tun. In erster Linie ist die laizistische, von jeder theologischen Färbung freie Judenfeindschaft mit der Tatsache verbunden, dass das Judentum als Religion einzig und allein jenen vorbehalten ist, die ihrer Nationalität nach Juden sind, d.h. einer einzigen ethnischen Gemeinschaft. Im Gegensatz zur Mehrheit der anderen Religionen kennt das Judentum kein Mission und verwehrt all jenen, deren Mütter keine blutsmässigen Jüdinnen sind, die Möglichkeit, sich zum jüdischen Glauben zu bekennen. (Die „Giur“, in den Schoss des Judentums aufgenommene Nichtjuden, sind ein Ausnahmefall, und die traditionelle jüdische Gesellschaft akzeptiert sie nur unter aussergewöhnlichen Umständen; in den verschiedenen historischen Perioden hat die Einstellung des Judentums zu dieser Frage wesentliche Veränderungen erfahren.) Deshalb setzt das Judentum als Religion eine bewusste Zugehörigkeit zum Judentum sowohl als Nation als auch als Rasse voraus. Dies liefert eine teilweise Begründung dafür, dass die christlichen Konspirologen die Juden als Anhänger einer besonderen Religion den ethnischen Juden gleichsetzen. Andererseits verschwinden theologische Argumente in dieser Periode in einer nominell immer noch christlichen Welt von der Bühne des Kampfes der Ideen, und ihre Stelle nehmen in immer grösserem Ausmass neue atheistische oder rein positivistische Theorien ein. Mit der epidemischen Entchristlichung Europas büsst der theologische Antijudaismus an Überzeugungskraft ein. Doch da konspirologische Motivationen bedeutend tiefer reichen als rationale Gedankenkonstrukte, geht der Antijudaismus der religiösen Konspirologie in eine rein ethnische antijüdische Rassenlehre über, deren Träger Angelsachsen, Deutsche und Österreicher werden; bei ihnen handelt es sich bald um Atheisten, bald um Neuheiden, bald um Rassenmystiker.
Sofern die ethnische Judenfeindschaft nicht mit einer rassistischen Gnostik verbunden ist (wie bei Guido von List, Jörg Lanz von Liebefels und deren Nachfolgern, den Ariosophen), begründet sie ihre Gegnerschaft zum Judentum mit der Behauptung, die gesellschaftlichen und kulturellen Umstände hätten dazu geführt, dass das jüdische Volk in der Diaspora (und vielleicht schon lange zuvor) zu einer pathologischen, sozial (und vielleicht sogar biologisch) kranken Gemeinschaft entartet sein, die unfähig sei, sich in sozial „gesunden“ Ethnien zu integrieren. (Einige Theoretiker, namentlich Lanz von Liebefeld, gingen noch weiter und orteten schon in der Ethnogenese der Juden ein finsteres Geheimnis, wobei sie extravagante Thesen über ihre Abstammung von alten Monstren, den sogenannten „Affen von Sodom“, aufstellten.) Die Juden galten dabei als Drahtzieher einer Verschwörung, die das Ziel verfolgte, „gesunde“ Ethnien zu zersetzen und der Welt das Diktat einer „wirtschaftlichen und kulturell-psychologischen Pathologie“ aufzuzwingen. In dieser Optik erscheint die religiöse Besonderheit des Judentums bloss als kulturelle Erscheinungsform der bioethnischen Besonderheit des Judentums; von den früheren antijüdischen Anklagen der christlichen Konspirologen übernimmt die ethnische Judenfeindschaft lediglich die kulturell-politischen, wirtschaftlichen und juristischen Argumente. Parallel zum Übergang zu dieser Art von konspirologischen Judengegnerschaft tauchen bei den Konspirologen selbst erstmals antichristliche Motive auf. Es schiessen neue Theorien über das „jüdische Wesen“ des Christentums selbst ins Kraut. Immer häufiger wird das Christentum mit einer Mine verglichen, die von den Juden gelegt worden sei, um die arischen Völker zu zerstören. Im 20. Jahrhundert wird diese rein ethnische, biologische und nichtreligiöse Variante der Konspirologie von den Theorien des Nationalsozialismus aufgegriffen. Zu bemerken ist, dass die russische Konspirologie auch in Emigranten- und Dissidentenkreisen nur ganz selten einer rein ethnischen Judenfeindschaft huldigte; hier herrschten immer noch die klassischen Denkmuster der katholischen Konspirologen vom 18. bis zum 20. Jahrhundert vor. Freilich darf man den Einfluss nicht ausser acht lassen, den die rassistische Betrachtungsweise auf die Konspirologen des 20. Jahrhunderts insgesamt ausgeübt hat; auch dort, wo der Schwerpunkt weiter auf theologisch begründeten Anklagen gegen das Judentum als Religion liegt, fällt auch der ethnische Faktor in mehr oder grossem Umfang ins Gewicht (was bei den frühren Konspirologen in keiner Hinsicht der Fall war; für diese reichte die Abkehr eines ethnischen Juden von der jüdischen Religion und seine Annahme des Christentums aus, um ihn von jedem Verdacht einer Beteiligung an der Verschwörung freizusprechen).
Zur Sondervariante der Judenfeindschaft entwickelte sich der „arische Rassismus“, wie er nationalsozialistischen Denkmustern eigen ist. Diese Version komplizierte das allgemeine Bild von der „Verschwörung“ insofern, als hier ausser den „Juden“ als den Urhebern der Degradierung der arischen Zivilisation auch die Rolle der nicht-arischen Völker in den Blickpunkt rückte, denen „rassische Komplizenschaft“ mit den Juden und ihrer negativen Ethnopolitik zur Last gelegt wurde. Die nicht-arischen Rassen wurden zu historischen „Kollaboranten“ der Juden erklärt. Auf diese Weise erhielten die „jüdischen Verschwörern“ bei den rassistischen Konspirologen neben den Freimaurern neue „Werkzeuge“ – die „niedrigen“, nicht-arischen Rassen.
Das Paradigma der „jüdischen Verschwörung“ ist von sämtlichen konspirologischen Vorstellungen die archetypischste: Es hat ungeheure Verbreitung erlangt und die antifreimaurerische Konspirologie weit hinter sich gelassen. Das Schicksal des jüdischen Volkes im 20. Jahrhundert – die Verfolgungen in Deutschland, die Gründung des Staates Israel, die Kriege im Nahen Osten – all dies verleiht nicht nur den Theoretikern der „jüdischen Verschwörung“ Auftrieb, sondern macht die „jüdische Frage“ auch zum wichtigsten ethno-politischen Konzept des 20. Jahrhunderts. (Bemerken wir, dass die Judenfeindschaft, der Antisemitismus, heutzutage in der arabischen Welt ungemein verbreitet ist, obschon die Araber der Rasse nach selbst Semiten, sprachlich wie blutsmässig die nächsten Verwandten der Juden und Anhänger einer Religion sind, die mit dem Judentum starke Ähnlichkeit aufweist.) Deshalb ist die ganze konspirologische Argumentation heute so aktuell wie niemals zuvor. Andererseits wird die Vorstellung von der „jüdischen Weltverschwörung“ unter lokalen Bedingungen auch auf andere Völker übertragen. So bilden sich nach dem Strickmuster dieses Paradigmas örtliche Theorien von einer „Verschwörung der nationalen Minderheiten“ heraus. Sie alle stellen allerdings blosse Neuauflagen ein und derselben konspirologischen Denkweise dar, und es ist kein Zufall, dass dort, wo von irgendeiner „Verschwörung“ die Rede ist, auch der „jüdische Faktor“ früher oder später zur Sprache kommt, ganz unabhängig davon, ob es dafür irgendwelche Begründungen gibt oder nicht.
Ende Teil 1.
Fortsetzung: Teil 2
Teil1: http://fufor.twoday.net/stories/2808019
Teil2: http://fufor.twoday.net/stories/2808024/
(yahoo.group)
bin66 - 16. Okt, 00:26

